8. Mai 2026, 17:04 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Was wie ein faszinierendes Naturschauspiel wirkt, könnte für die Tiere selbst zur Falle werden: Tausende Asseln bewegen sich plötzlich in perfekt koordinierten Kreisen – ausgelöst durch ein alltägliches Element moderner Städte. Eine neue Studie zeigt, wie künstliches Licht ein bislang unbekanntes Verhalten hervorruft und welche Folgen das haben kann.
Zufallsfund in den Golanhöhen
Ausgangspunkt der Untersuchung war eine Beobachtung des Amateur-Naturforschers Eviatar Itzkovich, der in den Golanhöhen während Sommernächten auf ungewöhnliche Ansammlungen stieß. Die Tiere der Art Armadillo sordidus, eigentlich zurückgezogen unter Steinen und in feuchtem Untergrund lebend, versammelten sich plötzlich in großen Gruppen und bewegten sich in kreisförmigen Formationen.
Todesspirale bisher nur bei Insekten bekannt
Das Phänomen kannte man bisher nur von Insekten wie Ameisen. Dabei laufen mehrere hundert Tiere endlos im Kreis, weshalb man diese Formationen auch als Ameisenmühlen oder Kreismühlen bezeichnet. Vor allem bei Wanderameisen kann es dazu kommen, wenn Tiere der Pheromonspur ihres Vorgängers folgen. Kommt es zu einer Überkreuzung der spuren führt das dazu, dass weitere Ameisen, die dem Duft folgen und ewig im Kreis laufen. Dadurch verstärkt sich die Pheromonspur weiter und zieht immer mehr Tiere in ihren Bann. Die Folge ist ein riesiger Strudel, indem die Insekten oft bis zur Erschöpfung laufen.1
Phänomen bei Asseln kaum erforscht
Während das Schauspiel bei Ameisen durch ihre Form als kleiner Sozialstaat erklärt werden kann, ist der Grund der Landasseln unbekannt. Sie sind eigentlich Einzelgänger. Zudem handelt es sich hierbei nicht, wie viele annehmen, um Insekten. Asseln sind entfernte Verwandte von Krebsen und Garnelen. Zwar ist bekannt, dass sie sich gelegentlich zusammenfinden, um Feuchtigkeit zu bewahren – doch eine derart koordinierte Massenbewegung wurde bislang kaum dokumentiert.
Warum laufen Asseln endlos im Kreis?
Um die Auslöser des Verhaltens zu verstehen, testete das Forschungsteam um Doktorand Idan Sheizaf verschiedene Umweltfaktoren, darunter:
- Magnetfelder
- Ultraviolettes Licht
- Weißes Licht
Während selbst starke Magnete die Bewegungsmuster nicht veränderten und ultraviolettes Licht nur wenige Tiere anlockte, hatte weißes Licht einen erstaunlichen Effekt: Wurde eine Lichtquelle senkrecht zum Boden ausgerichtet, begannen die Asseln zuverlässig, sich in großen Gruppen kreisförmig zu bewegen.
Entscheidend ist dabei die Form des Lichtkegels. Er erzeugt am Boden eine klar abgegrenzte, kreisförmige Zone. Die Tiere orientieren sich an dieser Grenze und folgen ihr. Ab einer bestimmten Dichte entsteht daraus eine stabile, sich selbst erhaltende Rotation.2
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Licht als tödliche Falle
Idan Sheizaf erklärt im Wissenschaftmagazin „Phys.org“: „Obwohl kollektive Bewegungen im Tierreich üblich sind, war es völlig unerwartet, sie in dieser Form bei Asseln zu sehen.“ Weiter führt der Forscher aus, dass vor allem die von Menschen geschaffenen Lichtverhältnisse – insbesondere die kreisförmigen Lichtkegel von Straßenlaternen – mit den natürlichen Instinkten der Tiere zusammenwirken und so dieses auffällige, möglicherweise schädliche Verhalten auslösen.
Denn so eindrucksvoll die „Assel-Mühlen“ wirken, sie könnten für die Tiere erhebliche Nachteile haben. Die Forscher stellten fest, dass es sich überwiegend um Weibchen handelte, viele davon mit Eiern. Ein Fortpflanzungsverhalten lässt sich daher ausschließen.
Stattdessen deutet alles darauf hin, dass künstliches Licht in der Nacht die natürlichen Instinkte der Tiere stört. Die Asseln verlassen ihre geschützten Lebensräume und geraten im Kreis in eine Art Endlosschleife.
Kleine Ursache, große Wirkung
Dieses Verhalten macht sie verwundbar. In einem Fall wurde beobachtet, wie ein Hundertfüßer die kreisende Gruppe gezielt ausnutzte. Neben der erhöhten Gefahr durch Fressfeinde verlieren die Tiere zudem wertvolle Energie, die sie für ihr Überleben benötigen. Je nachdem wie lange das Licht scheint, wäre es also auch hier möglich, dass die Asseln bis zur tödlichen Erschöpfung im Kreis laufen.
Die Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Ecology and Evolution“, zeigt eindrücklich, wie stark selbst scheinbar geringe Eingriffe – wie eine Straßenlaterne – das Verhalten von Tieren beeinflussen können. Besonders für kleine, oft übersehene Arten können solche Veränderungen weitreichende Folgen haben.