Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Neues aus Wissenschaft und Forschung News Reptilien Schlangen Alle Themen
Untersuchungen zeigen

Wie Anakondas so riesig wurden – und es bis heute geblieben sind

Anakonda
Heutige Anakondas können über sieben Meter lang werden. Fossile Wirbel aus Venezuela belegen, dass diese Größe schon Millionen Jahre früher typisch war. Foto: Getty Images
Artikel teilen
Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

23. März 2026, 10:45 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Anakondas gehören zu den größten Schlangen der Erde. Doch wann begann eigentlich ihre Entwicklung hin zu diesen gewaltigen Körpermaßen? Eine neue paläontologische Untersuchung bringt nun Klarheit – und erstmals eindeutige Fossilbelege: Schon vor 12,4 Millionen Jahren erreichten die Vorfahren heutiger Anakondas Längen von über fünf Metern. Die Studie aus Venezuela zeigt nicht nur, wie früh dieser Gigantismus entstand, sondern auch, warum Anakondas im Gegensatz zu vielen anderen Riesenreptilien bis heute so groß geblieben sind.

Die schwersten Schlangen der Welt

Heutige Anakondas – allen voran die Grüne Anakonda (Eunectes murinus) – sind selbst für erfahrene Reptilienforschende beeindruckend. Sie können über 7 Meter lang werden und gehören damit zu den größten, sondern auch zu den schwersten Schlangen der Welt.

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass in Südamerika eine Schlangengattung so extreme Dimensionen erreichte? Bisher gab es nur Vermutungen: Man ging von einer Herkunft im Miozän aus, doch Fossilfunde waren lückenhaft und erlaubten kaum Rückschlüsse auf frühe Körpergrößen. Gleichzeitig lebten zu dieser Zeit noch viele andere Reptilien-Riesen – von mächtigen Kaimanen bis zu riesigen Süßwasserschildkröten –, die später jedoch wieder verschwanden.

Die neue Studie wollte genau hier ansetzen: Wann entstand der Gigantismus bei Anakondas? Welche Umweltbedingungen begünstigten ihn – und warum blieb er erhalten, als viele andere Riesentiere ausstarben?

Anakondas waren schon vor über 12 Millionen Jahren riesig

Das Forschungsteam um Andrés F. Alfonso-Rojas, Jorge D. Carrillo-Briceño, Rodolfo Sánchez, Marcelo R. Sánchez-Villagra und Jason J. Head nahm sich einer Frage an, die Zoologen und Paläontologen seit Jahrzehnten beschäftigt: Wie alt ist der Gigantismus der Anakondas – und welche Umweltbedingungen machten ihn möglich?

Ihre Arbeit erschien am 1. Dezember 2025 im wissenschaftlichem Fachmagazin „Journal of Vertebrate Paleontology“. Grundlage sind Fossilien aus den Socorro- und Urumaco-Formationen im Nordwesten Venezuelas. Aus den dortigen Sedimenten des mittleren und späten Miozäns rekonstruierten die Forschenden die Körperlängen urzeitlicher Anakondas und ordneten diese in einen modernen evolutionären Stammbaum ein.

Das Ergebnis: Schon vor mehr als 12 Millionen Jahren erreichten diese Schlangen Längen, wie wir sie heute nur von den größten lebenden Exemplaren kennen. Eine Erkenntnis, die die Entwicklungsgeschichte der Gattung Eunectes, wie Anakondas wissenschaftlich bezeichnet werden, in einem neuen Licht erscheinen lässt – und uns gleichzeitig in die tropischen Feuchtgebiete einer längst vergangenen Welt entführt.1

Fossile Wirbel enthüllen Entwicklungsgeschichte

Die Forschenden analysierten 183 fossile Wirbel von mindestens 32 Individuen aus insgesamt 15 Fundstellen. Die Sedimentschichten dieser Regionen sind zwischen 14,5 und 6,8 Millionen Jahre alt – ein Zeitfenster, das ein breites Bild der Körpergrößenentwicklung erlaubt.

Mit präzisen Messmethoden bestimmten sie die Wirbeldimensionen und setzten diese in bestimmte Modelle ein, um die gesamte Körperlänge zu berechnen. Zusätzlich erstellte das Team eine zeitkalibrierte Stammesgeschichte der Boas, zu denen die Anakondas gehören, und rekonstruierte mittels einer speziellen Methode („Ancestral State Reconstruction“) die wahrscheinliche Körpergröße der fossilen Vorfahren.

Durch die Kombination dieser Ansätze entstand ein außergewöhnlich detailliertes Bild der Entwicklungslinie, das weit über einfache Fossilmessungen hinausgeht.

Fossilfunde waren bereits über vier Meter lang

Die Analyse macht deutlich: Bereits im mittleren Miozän erreichten Anakondas durchschnittliche Körperlängen von 5,2 Metern. Die Spannweite der Fossile lag zwischen 4,53 und 5,69 Metern – nahezu identisch mit den Größen vieler heutiger Adulttiere.

Interessant ist auch der Blick in die jüngeren Schichten: Im späten Miozän wurden Anakondas im Durchschnitt etwas kleiner, etwa 3,95 Meter. Doch im Vergleich zu anderen Riesenreptilien ihrer Zeit blieben sie beeindruckend groß.

Während der gewaltige Kaiman Purussaurus und die riesige Schildkröte Stupendemys später verschwanden oder deutlich reduzierte Körpergrößen aufwiesen, hielt sich der Anakonda-Gigantismus stabil.

Die phylogenetische Rekonstruktion bestätigt: Schon die frühen Vertreter der Gattung Eunectes lagen bei über vier Metern Länge – fast identisch mit heutigen Tieren. Fossilfunde erreichten allerdings nie die extremen sieben Meter, die moderne Anakondas in Ausnahmefällen erreichen können.

Warum blieben Anakondas so groß?

Die Studie setzt ein wichtiges Puzzlestück in die Evolutionsgeschichte tropischer Reptilien. Sie zeigt: Anakondas wurden schon früh groß – und blieben es, selbst als sich Klima und Landschaft tiefgreifend veränderten.

Im mittleren Miozän bedeckte das gewaltige Pebas-Feuchtgebietssystem weite Teile Amazoniens. Die Kombination aus warmem Klima (dem sogenannten „Middle Miocene Climatic Optimum“) und wasserreichen Lebensräumen bot ideale Bedingungen für große, semiaquatische Jäger.

Als sich diese Landschaft verwandelte und das Amazonas-Flusssystem entstand, schrumpften viele andere Giganten – doch nicht die Anakondas. Aber warum?

Die Studie liefert verschiedene Hinweise:

  • Temperaturabfälle hatten kaum Einfluss auf ihre Körpergröße.
  • Landschaftsveränderungen schienen ihre Entwicklung ebenfalls nicht einzuschränken.
  • Ein breites Beutespektrum, das von Fischen bis zu mittelgroßen Säugetieren reicht, könnte die Größe stabil gehalten haben.
  • Geringe Konkurrenz in ihren aquatischen Lebensräumen verschaffte ihnen womöglich einen evolutionären Vorteil.

Der genaue Treiber bleibt unklar – doch gerade diese Stabilität macht Anakondas zu einer faszinierenden Ausnahmeerscheinung unter den Riesenreptilien.

Mehr zum Thema

Studie liefert wichtige Einblicke in Evolutionsgeschichte

Die Studie basiert auf einer außergewöhnlich umfangreichen Fossil-Datenbasis aus einer geologisch gut erforschten Region. Die Methoden zur Körperlängenrekonstruktion gelten als etabliert, und die Kombination mit molekularen Daten stärkt die Aussagekraft.

Gleichzeitig weist das Team auf Einschränkungen hin:

  • Die meisten fossilen Funde bestehen aus isolierten Wirbeln.
  • Nicht alle Fossilien lassen sich klar einer Art zuordnen.
  • Unterschiede im Erhaltungszustand können leichte Messabweichungen verursachen.
  • Die im späten Miozän beobachtete Größenreduktion zeigt sich erst, wenn Daten aus mehreren Regionen einbezogen werden.

Trotz dieser Punkte handelt es sich um einen der bislang wichtigsten Einblicke in die Evolutionsgeschichte südamerikanischer Großreptilien.

Fazit: Anakondas waren und sind Giganten unter den Schlangen

Die Untersuchung zeigt eindrucksvoll: Anakondas waren im mittleren Miozän bereits echte Riesen – und sind es bis heute geblieben. Körperlängen von über fünf Metern sind kein neues Phänomen, sondern ein uraltes Erfolgsrezept dieser Schlangenlinieage.

Während andere Giganten der Urzeit verschwanden, behaupteten Anakondas ihren Platz an der Spitze der semiaquatischen Räuber. Ihre Entwicklungsgeschichte ist ein Beispiel dafür, wie stabil evolutionäre Strategien sein können – selbst über Zeiträume, die ganze Ökosysteme umformen.

Für alle, die diese faszinierenden Schlangen ohnehin bewundern, liefert die Studie einen weiteren Grund zum Staunen: Anakondas waren schon seit über 12 Millionen Jahren Meister darin, groß zu sein – und bis heute gibt es kaum ein Reptil, das ihnen darin das Wasser reichen kann.

Quellen

  1. Alfonso-Rojas, A. F., Carrillo-Briceño, J. D., Sánchez, R., Sánchez-Villagra, M. R., & Head, J. J. (2023). „An early origin of gigantism in anacondas (Serpentes: Eunectes) revealed by the fossil record“. Journal of Vertebrate Paleontology. https://doi.org/10.1080/02724634.2025.2572967 ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.