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Makaken in Gibraltar

Zu viel Junkfood von Touristen! Affen greifen zu Erde als „Magenmittel“

Affe in Gibraltar isst Chips aus einer Tüte
Chips statt Naturkost: In Gibraltar greifen Makaken häufig zu Snacks von Touristen – mit Folgen für ihre Verdauung Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

23. April 2026, 16:06 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Affen in Gibraltar klauen Chips, Eis und Kekse – und fressen danach Erde. Dieses ungewöhnliche Verhalten haben Forscher jetzt genauer untersucht. Eine aktuelle Studie legt nahe, dass die Makaken gezielt zur Erde greifen, um Verdauungsprobleme durch menschliche Nahrung auszugleichen. PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider erklärt, was hinter diesem Verhalten steckt und warum es ein Beispiel dafür ist, wie stark wir Wildtiere beeinflussen.

Zwischen Chips und Felsen: Ein ungewöhnlicher Snack

Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit – und schon ist die Chipstüte weg. Wer die Berberaffen von Gibraltar besucht, kennt diese Szenen. Die Tiere sind berüchtigt dafür, Touristen Essen zu klauen. Doch einige von ihnen greifen noch zu etwas ganz anderem. Sie fressen gezielt Erde.

Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist kein Zufall. Eine aktuelle Studie der Universität Cambridge zeigt, dass hinter diesem Verhalten vermutlich mehr steckt als bloße Neugier. Die Affen könnten sich damit selbst helfen. Und das ausgerechnet, weil wir unsere Lieblingssnacks mit auf Tour nehmen.1

Essen der Touristen ist extrem kalorienreich

Dass Tiere Erde fressen, ist gar nicht so selten. Auch bei vielen Primatenarten wurde dieses Verhalten, die sogenannte Geophagie, bereits beobachtet. Die spannende Frage ist: Warum tun sie das?

Aus der Forschung gibt es Hinweise, dass Erde im Magen wie eine Art „Puffer“ wirken kann. Sie kann helfen, Schadstoffe zu binden oder die Verdauung zu beruhigen. Gerade bei Primaten wird deshalb vermutet, dass sie dieses Verhalten quasi als natürliche Medizin gezielt einsetzen.

Und genau hier wird es in Gibraltar interessant. Rund 230 Berberaffen leben dort in direktem Kontakt mit Menschen. Obwohl es verboten ist, sie zu füttern, kommen sie regelmäßig an menschliche Lebensmittel. Somit fressen die Makaken längst nicht mehr nur das, was eigentlich auf ihrem Speiseplan stehen sollten.

„Die von Touristen mitgebrachten und von den Makaken Gibraltars verzehrten Nahrungsmittel sind extrem kalorienreich und enthalten viel Zucker, Salz und Milchprodukte“, erklärt Dr. Sylvain Lemoine, Studienleiter und biologischer Anthropologe am Archäologischen Institut der Universität Cambridge, im Wissenschaftsmagazin „Phys.Org“. „Dies unterscheidet sich völlig von der typischen Nahrung der Affenart, wie Kräutern, Blättern, Samen und gelegentlich Insekten.“

Die Forscher wollten deshalb wissen: Hat genau das etwas mit dem Erdefressen zu tun?

Affen fressen immer dann Erde, wenn viele Touristen vor Ort sind

Über fast zwei Jahre hinweg beobachteten die Wissenschaftler die Affen und dokumentierten gezielt, wann und unter welchen Umständen sie Erde fressen. Insgesamt wurden 46 Fälle bei 44 verschiedenen Tieren festgehalten.

Dabei fiel auf, dass dieses Verhalten in Gibraltar ungewöhnlich häufig vorkommt. Besonders spannend ist der Zusammenhang mit menschlichem Einfluss. Immer dann, wenn viele Touristen vor Ort sind, also vor allem im Sommer, greifen die Affen häufiger zur Erde.

Noch deutlicher wird es, wenn man sich anschaut, was die Tiere vorher gefressen haben. Affen, die größere Mengen an menschlicher Nahrung aufgenommen hatten, zeigten signifikant häufiger Geophagie. Es besteht also ein klarer Zusammenhang zwischen „Junkfood“ und Erdefressen.

Eine Art Selbstmedikation?

Aus verhaltensbiologischer Sicht spricht vieles dafür, dass die Affen hier gezielt reagieren. Die Erde könnte helfen, die Verdauung wieder ins Gleichgewicht zu bringen, nachdem sie ungeeignete Nahrung gefressen haben.

Man kann es sich ein bisschen so vorstellen wie bei uns Menschen. Wer zu fett oder zu süß gegessen hat, bekommt manchmal Magenprobleme. Die Affen scheinen einen Weg gefunden zu haben, damit umzugehen.

Die Forscher vermuten sogar, dass die Erde auch das sogenannte Darmmikrobiom, also die Bakteriengemeinschaft im Verdauungssystem, beeinflussen könnte. Diese spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit.

Affen entwickelten Verhalten, um weiter Junkfood zu konsumieren

Aber wieso fressen Affen überhaupt Junkfood, wenn es ihnen danach schlecht geht?

Zum einen natürlich aus dem gleichen Grund wie wir Menschen: Weil es lecker schmeckt. Diese Erklärung allein würde aber zu kurz greifen. „Der Mensch hat sich so entwickelt, dass er energiereiche Fette und Zucker aufspürt und speichert, um Zeiten der Knappheit zu überstehen. Das führt dazu, dass wir Heißhunger auf kalorienreiche, ungesunde Lebensmittel entwickeln“, erklärt Lemoine, Gründer des Gibraltar Macaques Project auf „Phys.Org“.

Die Verfügbarkeit solcher Lebensmittel könnte bei Makaken denselben evolutionären Mechanismus auslösen. Das Fressen von Erde ermöglicht es ihnen möglicherweise, weiterhin Nahrung zu konsumieren, die zwar negative Auswirkungen auf die Verdauung hat, ihnen aber genauso gut schmeckt wie uns. 

Lernen Affen voneinander?

Besonders interessant ist, dass nicht alle Affen gleich handeln. Einige Gruppen zeigen klare Vorlieben für bestimmte Bodenarten, vor allem für den rötlichen „terra rossa“-Boden.

Das deutet darauf hin, dass dieses Verhalten nicht nur instinktiv ist, sondern auch erlernt wird. Junge Tiere könnten sich also bei älteren abschauen, wann und wo Erde gefressen wird. Damit hätte sich hier möglicherweise eine Art Tradition entwickelt, ausgelöst durch den Einfluss des Menschen.

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Was bedeutet das für uns?

Die Studie zeigt sehr deutlich, wie stark wir das Verhalten von Wildtieren beeinflussen können. Die Affen passen sich an unsere Welt an und das sogar so weit, dass sie neue Strategien entwickeln, um mit den Folgen unserer Ernährung klarzukommen.

Das ist faszinierend, aber auch problematisch. Denn es bedeutet, dass unser Verhalten langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit und das Verhalten der Tiere haben kann.

Fazit: Clever – aber von uns verursacht

Die Berberaffen von Gibraltar fressen Erde offenbar nicht aus Zufall, sondern als Reaktion auf eine für sie unnatürliche Ernährung. Besonders der Zusammenhang mit menschlicher Nahrung spricht dafür, dass sie damit ihre Verdauung unterstützen.

Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass dieses Verhalten innerhalb der Gruppen weitergegeben wird. Was wir hier beobachten, könnte also mehr sein als eine kurzfristige Anpassung. Es handelt sich nämlich um eine neue, vom Menschen ausgelöste Gewohnheit.

„Die Makaken Gibraltars sind eng mit der menschlichen Geschichte verwoben und bieten ein eindrucksvolles Beispiel für die Interaktion zwischen Mensch und Primat“, fügte Lemoine hinzu. „Die Vielfalt der menschlichen Interaktionen innerhalb der Makakengruppen Gibraltars schafft ein natürliches Experiment, um zu verstehen, wie vom Menschen geprägte Landschaften das Verhalten und die Kultur von Primaten beeinflussen.“

Louisa Stoeffler
Redakteurin

Meine Erfahrung mit Makaken in Gibraltar

„Dass Tiere sich selbst ‚behandeln‘, ist kein Mythos, sondern ein faszinierendes Verhalten – das absolut zu dem passt, was ich auf dem Gibraltar-Felsen erlebt habe. Dort ging es nämlich vor allem um eins: menschliches Essen. Obwohl ich mich unauffällig verhalten habe, kein Futter in der Hand hatte, keinen Blickkontakt suchte – wurde ich plötzlich von einem Makaken attackiert. Er bleckte die Zähne und schlug nach mir. Kurz darauf versuchte ein anderes Tier, meinen Rucksack aufzureißen, offenbar in der Erwartung, darin etwas Essbares zu finden.
Dieses Verhalten ist auf Gibraltar längst keine Ausnahme mehr. Die Affen haben gelernt, dass sich Touristen lohnen – und gehen entsprechend offensiv vor. Selbst Sonnenbrillen oder Handys werden geklaut, oft gezielt, um sie gegen Futter ‚einzutauschen‘.
Meine Begegnung hat ziemlich deutlich gezeigt: So spannend natürliche Verhaltensweisen wie ‚Selbstmedikation‘ auch sind – auf Gibraltar prägt vor allem der Mensch das Verhalten der Tiere. Und das macht die Makaken nicht nur aufdringlich, sondern teilweise auch überraschend aggressiv.“

Quellen

  1. Frater, J., Nicourt, M., Landi, F. et al. (2026) „Geophagy in Gibraltar Barbary macaques is a primate tradition anthropogenically induced“. Sci Rep 16, 13139. https://doi.org/10.1038/s41598-026-44607-0 ↩︎

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