14. Oktober 2026, 17:32 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wer in diesen Wochen nach oben schaut, sieht und hört sie oft schon von Weitem: Kraniche, auch genannt Grus grus, die in großen Formationen über Deutschland in Richtung Süden ziehen. Der Herbstzug ist in vollem Gange. Doch die Vögel haben noch mehr zu bieten, sie tanzen, trompeten und bleiben oft viele Jahre beim selben Partner. PETBOOK hat bei Martin Rümmler, Referent für Vogelschutz beim NABU, nachgefragt, was hinter ihrem Verhalten steckt und wo man die Tiere am besten beobachten kann.
Wohin ziehen die Kraniche?
Die in Deutschland brütenden Kraniche nutzen den westeuropäischen Zugweg. Er führt über Frankreich in die Winterquartiere in Südfrankreich, Spanien, vor allem in die Extremadura, und teilweise nach Portugal. Einige Tiere überwintern inzwischen auch schon in Frankreich oder sogar in Deutschland. Auf dem Weg über Deutschland kommen Kraniche dazu, die in Norwegen, Schweden, Polen und dem Baltikum brüten. Daneben gibt es noch den baltisch-ungarischen und den osteuropäischen Zugweg.
Wie lange dauert der Zug?
Der Herbstzug dauert meist von Mitte September bis in den November. Wie lange ein einzelner Kranich unterwegs ist, schwankt von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen. Entscheidend sind laut Martin Rümmler, Referent für Vogelschutz beim NABU, Wind und Wetter: Rückenwind und stabiles Hochdruckwetter helfen. Auch geeignete Rastplätze spielen eine Rolle, ebenso Alter und Erfahrung der Vögel. Familien mit Jungvögeln ziehen oft langsamer.
Unter guten Bedingungen schaffen Kraniche am Stück etwa 500 bis über 1.000 Kilometer, vor allem wenn Meere oder Gebirge zu überqueren sind oder Rast- und Schlafplätze fehlen. Ein Training im klassischen Sinn gibt es nicht. „Vorbereitung besteht vor allem darin, Energiereserven anzulegen“, erklärt Rümmler. Im Spätsommer und Herbst fressen sich die Vögel auf Feldern und Wiesen große Mengen energiereicher Nahrung an, etwa Getreide, Mais und andere Pflanzenteile. Die Jungvögel lernen auf dem gemeinsamen Zug mit ihren Eltern die Route und wichtige Rastplätze kennen.
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Warum rufen Kraniche im Flug so oft?
Die trompetenden Rufe haben einen praktischen Grund. Kraniche ziehen in der Regel als Familienverband oder in größeren Gruppen, und die Rufe dienen laut Rümmler der Kommunikation innerhalb des Trupps. So halten die Vögel Kontakt zueinander, koordinieren Richtungsänderungen und warnen vor Gefahren. „Besonders bei großen Formationen oder schlechter Sicht helfen die Rufe, den Kontakt nicht zu verlieren“, sagt der Experte.
Warum fliegen Kraniche in V-Formation?
Auch das hat mit Energie zu tun. „Die V-Formation erhöht vor allem die Energieeffizienz des Flugs“, sagt der NABU-Experte. Jeder Vogel nutzt die aufsteigende Luftströmung, die die Flügel des vorausfliegenden Tieres erzeugen. Dadurch sinkt der Energieverbrauch, und längere Strecken lassen sich mit weniger Kraft bewältigen. Die Führungsspitze wird regelmäßig gewechselt. Außerdem erleichtert die Formation die Kommunikation und den Zusammenhalt im Trupp.
Was steckt hinter dem Kranichtanz?
Der berühmte Kranichtanz gehört zum Balzritual. Er umfasst Sprünge, Verbeugungen, Flügelschlagen, Rennen und das Hochwerfen von Pflanzenteilen. Nach Rümmlers Worten drückt er vor allem Erregung und soziale Interaktion aus. Unverpaarte Vögel suchen so einen Partner, bestehende Paare festigen ihre Bindung. „Kranichpaare bleiben oft viele Jahre zusammen und können lebenslange Partnerschaften bilden“, so der Experte.
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Wie ziehen Kraniche ihren Nachwuchs groß?
Laut Rümmler kehren die ersten Kraniche bereits im Februar in ihre Brutgebiete zurück, die Brut beginnt meist im März oder Anfang April. Nester bauen sie in Mooren, Bruchwäldern und anderen Feuchtgebieten, die Schutz vor Bodenräubern bieten. Meist liegen zwei Eier im Nest, die beide Eltern etwa 30 Tage lang abwechselnd bebrüten.
Die Küken sind Nestflüchter und verlassen das Nest kurz nach dem Schlupf. Beide Eltern führen und beschützen sie, zeigen ihnen geeignete Nahrung und begleiten sie später bis in die Winterquartiere. Nach etwa neun bis zehn Wochen sind die Jungvögel flugfähig.
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Wo kann man Kraniche in Deutschland beobachten?
Zu den wichtigsten Beobachtungsgebieten gehören laut Rümmler die Boddenküste in Mecklenburg-Vorpommern rund um Rügen, das Rhin- und Havelluch bei Linum und der Nationalpark Unteres Odertal in Brandenburg sowie die Diepholzer Moorniederung in Niedersachsen. Die beste Zeit liegt meist zwischen Ende September und Ende Oktober, wenn die großen Rastbestände ihren Höhepunkt erreichen. Es lohnt sich also, jetzt noch loszugehen.
Wer wilde Kraniche in Ruhe beobachten möchte, kann dafür auch das NABU-Erlebniszentrum Kranichwelten in Groß Mohrdorf nördlich von Stralsund besuchen. Neben Ausstellungsflächen bietet es mit dem „Kranorama“ eine eigene Beobachtungsstation.