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„Auslaufmodell“

Versuchstieranzahl 2024 auf niedrigstem Stand seit Jahren – aber weiter Millionen betroffen

Ratte in einem Versuchslabor
Auch 2024 wurden wieder Millionen Versuchstiere in deutschen Laboren genutzt – vor allem für Grundlagenforschung Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

10. Dezember 2025, 17:32 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Jedes Jahr im Dezember veröffentlicht das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), wie viele Tiere in Deutschland für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt oder getötet wurden. Für das Berichtsjahr 2024 zeigt sich: Die Zahl der verwendeten Versuchstiere ist zum fünften Mal in Folge gesunken – doch trotz des erneuten Rückgangs sterben nach wie vor Millionen Tiere für die Forschung.

3,06 Millionen Versuchstiere im Jahr 2024 – inklusive Organspender und „Überschusstiere“

Insgesamt wurden 2024 in Deutschland 3.063.569 Tiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet oder getötet. Diese Zahl setzt sich zusammen aus:

  • 1.327.931 Tieren, die tatsächlich in Versuchen eingesetzt wurden,
  • 626.538 Tieren, die ausschließlich für die Entnahme von Organen oder Gewebe getötet wurden,
  • sowie 1.109.100 Tieren, die zwar für wissenschaftliche Zwecke gezüchtet, letztlich aber nicht verwendet und dennoch getötet wurden.

Das BfR unterscheidet dabei auch zwischen Tieren, die zum ersten Mal in einem Versuch eingesetzt werden, und solchen, die erneut verwendet werden. 1.302.190 Tiere wurden 2024 erstmals gemeldet, 25.741 Tiere kamen sogar mehrfach zum Einsatz.

Die Zahl der Tiere, die nicht im Versuch selbst, sondern für die Gewinnung von Organen oder Gewebe getötet wurden, lag 2024 bei 626.538 – knapp sieben Prozent weniger als im Vorjahr (671.958). Rechnet man diese Tiere zu den im Versuch eingesetzten hinzu, ergibt sich für 2024 eine Gesamtzahl von 1.954.469 wissenschaftlichen Verwendungen. 2023 waren es noch rund 2,13 Millionen, also gut acht Prozent mehr.

Damit wurden 2024 so wenige Versuchstiere eingesetzt wie seit Jahren nicht mehr – zum fünften Mal in Folge sind die Zahlen gesunken. Trotzdem bedeutet die Statistik weiterhin: Millionen Tiere werden für Forschung und Wissenschaft genutzt oder getötet.

Über 1,1 Millionen „nicht verwendete“ und getötete Tiere

Seit 2021 werden in Deutschland außerdem Tiere mitgezählt, die zwar für wissenschaftliche Zwecke gezüchtet, aber nie verwendet wurden und dennoch getötet werden. Das können zum Beispiel Nachkommen genetisch veränderter Linien sein, die nicht die gewünschte Mutation tragen, Tiere „im falschen Geschlecht“ oder Tiere, die für den geplanten Versuch zu alt sind.

2023 waren es noch 1.373.173 sogenannte „nicht verwendete, getötete“ Tiere. Damit ist die Zahl in nur einem Jahr um rund 19 Prozent gesunken – seit Beginn der Erfassung 2021 hat sie sich insgesamt mehr als halbiert. Dennoch bleibt die Dimension enorm: Über eine Million Tiere sterben, obwohl sie nie in einem Versuch eingesetzt wurden.

Welche Tierarten waren 2024 am stärksten betroffen?

Trotz des Rückgangs ändert sich am grundsätzlichen Bild wenig: Wie in den Vorjahren werden vor allem Kleinsäuger und Fische verwendet.

Von den 1.327.931 Tieren im Versuch entfielen:

  • Mäuse: 956.636 Tiere (72,0 %)
  • Ratten: 83.369 Tiere (6,3 %)
  • Fische (Zebrafische und andere Arten): 176.778 Tiere (13,3 %)
  • Kaninchen: 57.966 Tiere (4,4 %)
  • Vögel (Haushühner und andere Vogelarten): 16.304 Tiere (1,2 %)
  • Sonstige Tierarten (u. a. Hunde, Katzen, Affen, andere Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Kopffüßer): 36.878 Tiere (2,8 %)

Damit stellen Mäuse und Ratten zusammen fast 80 Prozent aller Versuchstiere. Fische bilden die zweitgrößte Gruppe, bleiben aber unterhalb der Spitzenwerte vergangener Jahre.

Affen, Hunde, Katzen – kleine Gruppen, große Debatte

Obwohl sie zahlenmäßig weit hinter Mäusen und Fischen liegen, stehen Affe, Hund und Katze in der öffentlichen Debatte besonders im Fokus. Die Zahl der Verwendungen von Affen und Halbaffen erreichte 2024 einen neuen Tiefststand: 1088 Verwendungen – etwa 35 Prozent weniger als im Vorjahr.

Weil bei diesen Tieren rund 19 Prozent erneut verwendet werden, liegt die Zahl der erstregistrierten Individuen mit 876 Tieren deutlich darunter. Affen werden überwiegend für regulatorische Zwecke eingesetzt, etwa im Rahmen der Zulassung von neuen Humanarzneimitteln. Menschenaffen (Primaten) werden in Deutschland seit 1991 nicht mehr für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt.

Hunde und Katzen werden unter anderem in der angewandten Forschung und für gesetzlich vorgeschriebene Tests genutzt:

  • Hunde: 2220 Tiere im Versuch (2023: 2550; Rückgang um rund 13 Prozent)
  • Katzen: 698 Tiere im Versuch (2023: 544; hier stieg die Zahl deutlich)

Auffällig ist der hohe Anteil mehrfach verwendeter Tiere: Bei Hunden liegt er bei etwa 64 Prozent, bei Katzen bei rund 51 Prozent. In die Statistik der erstmalig erfassten Tiere gingen 2024 daher nur 806 Hunde und 340 Katzen ein.

Wie stark litten die Versuchstiere 2024?

Das BfR stuft die Belastung von Tieren in vier Kategorien ein: keine Wiederherstellung der Lebensfunktion, gering, mittel oder schwer.

Für 2024 gilt:

  • 63 Prozent der Tiere wurden gering belastet – ähnlich wie im Vorjahr (63,8 Prozent).
  • 28,4 Prozent waren mittleren Belastungen ausgesetzt.
  • 3,6 Prozent der Tiere wurden in schwer belastenden Versuchen eingesetzt – damit bleibt der Anteil auf dem niedrigen Niveau von 2023.
  • Rund 5 Prozent der Verwendungen fanden unter Vollnarkose statt, aus der die Tiere nicht wieder erwachten.

In absoluten Zahlen bedeutet das: Noch immer leiden Zehntausende Tiere in Versuchen, die mit massiven Schmerzen, Leiden oder dauerhaften Schäden verbunden sind.

Wofür werden die Tiere eingesetzt?

Trotz vieler Alternativmethoden – von Zellkulturen über Organoide bis zu computergestützten Modellen – spielt der Tierversuch in einigen Bereichen der Forschung weiterhin eine zentrale Rolle.

Die Verteilung der Versuchstiere 2024:

  • Grundlagenforschung: rund 57 Prozent der Tiere
    • besonders häufig im Bereich Immunsystem (22 %) und Nervensystem (20 %), außerdem Onkologie, Stoffwechsel und Entwicklungsbiologie
  • Translationale und angewandte Forschung: etwa 15 Prozent
    • Schwerpunkt: Krebserkrankungen des Menschen (43,4 Prozent der Tiere in diesem Bereich), daneben Nerven- und Geisteserkrankungen, Infektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Herstellung und Qualitätskontrolle medizinischer Produkte / toxikologische Sicherheitsprüfungen: rund 17 Prozent
  • Erhaltung genetisch veränderter Kolonien: etwa 7 Prozent
  • Sonstige Zwecke (Artenschutz, Umwelt, Aus- und Weiterbildung, Training): zusammen rund 4 Prozent

Damit bleibt vor allem die Grundlagenforschung der Bereich, in dem die meisten Tiere eingesetzt werden. Häufig, ohne dass es daraus bereits einen konkreten Nutzen für den Menschen gibt.

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Genetisch veränderte Tiere

Ein großer Teil der Versuchstiere ist genetisch verändert:

  • 2023: 738.066 genetisch veränderte Tiere (50,6 Prozent)
  • 2024: 658.559 genetisch veränderte Tiere (49,6 Prozent)

Erstmals seit 2021 wurden damit wieder etwas mehr nicht genetisch veränderte Tiere als genetisch veränderte eingesetzt. Gleichzeitig stieg der Anteil genetisch veränderter Tiere, bei denen die Veränderung nachweislich das Wohlergehen beeinträchtigt, von etwa 23 auf rund 25 Prozent. Besonders häufig genetisch verändert sind Mäuse und Zebrafische.

Seit 2020, dem ersten vom BfR veröffentlichten Berichtsjahr, gehen die Zahlen im Trend zurück. Damals führte bereits die Corona-Pandemie zu einem spürbaren Einbruch bei den Tierversuchen. Seitdem sinken sowohl die Zahl der Tiere im Versuch als auch die Zahl der getöteten Tiere – und seit 2021 auch die der nicht verwendeten, getöteten. 2024 setzt diese Entwicklung fort, trotzdem bleibt das Gesamtbild belastend.

Politik lobt Rückgang – Peta will Systemwechsel

Der erneute Rückgang der Versuchstierzahlen sorgt für unterschiedliche Reaktionen. Silvia Breher, die Beauftragte der Bundesregierung für Tierschutz, wertet die Entwicklung als deutliches Zeichen dafür, dass Alternativmethoden zunehmend an Bedeutung gewinnen. „Dass die Zahl der Versuchstiere in Wissenschaft und Forschung erneut auf ein Rekordtief gefallen ist, ist eine wirklich gute Nachricht.“

Zugleich macht Breher aber klar, dass noch immer sehr viele Tiere im Versuchstierbereich verwendet würden. Der Trend müsse daher „Ansporn sein, die Zahl der Versuchstiere weiter zu reduzieren“. Anders fällt die Bewertung aus Sicht der Tierrechtsorganisation Peta aus. „Wir fordern die Bundesregierung auf, das Momentum zu nutzen und sich endlich konkret für ein Ende dieser grausamen und überflüssigen Methoden auszusprechen“, sagt Fachreferentin Sabrina Engel.

Denn die Gesamtzahl zeige „den tiefsten Stand seit Jahren“ aber auch, dass Tierversuche ein Auslaufmodell seien und nicht so unverzichtbar, wie oft behauptet werde. „Statt Mäuse mit Chemikalien zu vergiften oder Affen in den Schädel zu bohren, muss sich die Wissenschaft vollständig auf Forschungs- und Testmethoden ohne Tierleid konzentrieren.“

Während Breher die Zahlen als Erfolg und Beleg für Fortschritte im Tierschutz interpretiert, sieht Peta darin ein Argument für einen vollständigen Systemwechsel. Der Umgang mit Versuchstieren bleibt damit ein politisch wie ethisch umkämpftes Thema – trotz sinkender Zahlen.

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