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Studie zeigt

Tiefseebergbau gefährdet bedrohte Haie – 30 Arten in der Schusslinie des Rohstoffbooms

Walhaie und andere Arten schwimmen im Wasser – und sind laut einer Studie am stärksten von möglichem Tiefseebergbau betroffen
Sanfter Riese in Gefahr: Der Walhai und 29 weitere Arten könnten durch Bergbau in der Tiefe leiden. Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

7. Oktober 2025, 13:42 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Der Druck auf wertvolle Rohstoffe aus der Tiefsee wächst – doch die Folgen für viele Meeresbewohner könnten katastrophal sein. Eine internationale Studie warnt: 30 Hai-, Rochen- und Chimärenarten sind durch Tiefseebergbau akut gefährdet. Viele von ihnen stehen ohnehin bereits auf der Roten Liste bedrohter Arten. Besonders alarmierend: Schon kleinste Änderungen in der Tiefe der sogenannten Abwasserplumes könnten darüber entscheiden, ob Arten überleben – oder verschwinden.

Norwegens Vorstoß in die Tiefsee

Als erstes Land der Welt wollte Norwegen Anfang 2024 den industriellen Abbau seltener Erden und Metalle in der Tiefsee erlauben. Die geplanten Gebiete liegen zwischen Spitzbergen und Ostgrönland, umfassen rund 281.000 Quadratkilometer und beherbergen wertvolle Vorkommen an Cer, Kupfer und Zink – Rohstoffe, die für Batterien, Chips und Elektroautos benötigt werden (PETBOOK berichtete).

Doch die Entscheidung sorgte für einen Aufschrei: Wissenschaftler, Naturschützer und Umweltorganisationen wie der WWF warnten, dass die Pläne einzigartige, bislang kaum erforschte Ökosysteme zerstören könnten. Inzwischen war der Tiefseebergbau im norwegischen Staatshaushalt für 2025 nicht mehr vorgesehen – ein erster Erfolg für die Kritiker. Der WWF Norwegen hat den Staat sogar verklagt, um einen Präzedenzfall zu schaffen.

„Für 99 Prozent des betroffenen Gebiets gibt es keine Umweltdaten“, erklärt Kaja Loenne Fjaertoft, Meeresbiologin beim WWF Norwegen. PETBOOK sprach darüber hinaus mit Till Seidensticker, Meeresexperte bei Greenpeace, über die massiven Risiken des geplanten Abbaus in der Tiefsee.

„Was dort zerstört wird, ist unwiederbringlich verloren“

„Es kann grundsätzlich keinen Tiefseebergbau geben, der die Tiefsee und ihre Ökosysteme schont“, sagte Seidensticker zuvor im Interview mit PETBOOK. „Die Gebiete, die jetzt in Norwegen angegangen werden, sind voller einzigartiger Lebensräume – etwa aktive und inaktive schwarze Raucher, also Stellen, an denen heißes Wasser aus dem Meeresboden austritt. Dort leben Arten, die man sonst nirgendwo findet. Diese Ökosysteme sind in sich abgeschlossen – wenn man sie zerstört, sind sie unwiederbringlich verloren.“

Zudem seien die Folgen solcher Eingriffe über Jahrtausende spürbar: „Die Maschinen fräsen die Oberfläche der Seeberge ab, zerstören Korallen und Lebensräume, die sich extrem langsam entwickeln. Das Leben in der Tiefsee ist träge, weil es dort kaum Licht, Nahrung oder Bewegung gibt. Jede Störung wirkt dort wie ein Erdbeben – nur dass sich die Natur nicht erholt.“

Studie über Auswirkungen von Tiefseebergbau bestätigt: Haie und Rochen besonders gefährdet

Wie gravierend die Folgen tatsächlich sein könnten, zeigt eine aktuelle Studie von Aaron B. Judah und einem internationalen Forschungsteam der Universitäten Hawai’i, Dalhousie, Simon Fraser, Washington, NIWA Neuseeland und Tasmanien. Die Ergebnisse erscheinen in der November-Ausgabe 2025 des renommierten Fachmagazins „Current Biology“.

Erstmals wurde darin umfassend untersucht, welche konkreten Risiken der Tiefseebergbau für 30 ausgewählte Arten der Knorpelfische – also Haie, Rochen und Chimären – birgt. Die Forscher analysierten, wie stark sich die Lebensräume dieser Arten mit geplanten Abbaugebieten für polymetallische Knollen, Sulfide und kobaltreiche Krusten überschneiden.

Das Ergebnis: 30 Arten überlappen räumlich und vertikal mit künftigen Abbauzonen, davon 20 Haie, acht Rochen und zwei Chimären. Besonders betroffen sind Arten mit begrenzter Mobilität oder bodennahem Lebensstil. Ganze 83 Prozent der untersuchten Arten zeigen eine kritische Überlappung mit Abbaugebieten, 87 Prozent mit polymetallischen Sulfiden. Viele davon gelten bereits als bedroht – etwa der Schokoladen-Skate (Rajella bigelowi) oder der Walhai (Rhincodon typus). Insgesamt gelten 18 der 30 betroffenen Arten laut der Roten Liste der IUCN bereits als bedroht – also 60 Prozent. Hochgerechnet auf einige der wenig erforschten Arten, bei denen noch keine Aussagen über ihre Gefährdung getroffen werden können, dürfte der Anteil sogar bei über 64 Prozent liegen. 1

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Lärm, Sedimente und unklare CO₂-Verluste

Die Studie zeigt, dass nicht nur die Maschinen am Meeresboden, sondern auch die Abwasserplumes – also Sedimentwolken aus den Abbauvorgängen – eine massive Bedrohung darstellen. Besonders pelagische Filterfresser wie Walhaie oder Teufelsrochen könnten durch trübe, nährstoffarme Schichten stark beeinträchtigt werden.

Neben der direkten Zerstörung des Meeresbodens birgt der Tiefseebergbau auch indirekte Risiken: Der Lärm der Unterseebagger kann Wale und Delfine massiv stören, die auf akustische Orientierung angewiesen sind. „Wale brauchen ihr Gehör zum Überleben. Wird es geschädigt, kann das tödlich enden“, warnte Seidensticker zuvor im PETBOOK-Interview.

Zudem ist noch kaum erforscht, welche Rolle die Tiefsee bei der Speicherung von Kohlenstoff spielt. Werden ihre Ökosysteme zerstört, könnten gebundene CO₂-Mengen freigesetzt werden – mit möglichen Rückkopplungen auf das Klima.

Fazit: Vorsorge statt Risiko

Die Studie belegt, dass Tiefseebergbau ein massiv unterschätztes Risiko für Meereslebewesen darstellt – insbesondere für bedrohte, bodenlebende oder filterfressende Arten. Sie zeigt aber auch, dass gezielte Maßnahmen wie tiefere Abwassereinleitungen, Schutzgebiete und strengere Umweltverträglichkeitsprüfungen helfen könnten, die schlimmsten Schäden zu vermeiden.

Doch solange die Forschungslücken so groß bleiben, warnen Expertinnen und Experten vor einem Experiment mit unabsehbaren Folgen. „Ein grünes Label hat in der Debatte um Tiefseebergbau nichts zu suchen“, betonte Seidensticker. „Wer Nachhaltigkeit ernst meint, muss die letzten unberührten Ökosysteme unseres Planeten bewahren – nicht ausbeuten.“

Quellen

  1. Judah A. B., Mull C. G., Dulvy N. K., Finucci B., Assad V. E., Drazen J. C. (2025). Deep-sea mining risks for sharks, rays, and chimaeras. Current Biology, 35(1), 1–10. ↩︎

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