16. Oktober 2025, 17:29 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Seit Jahren verliert die europäische Pelzindustrie wirtschaftlich den Boden unter den Füßen. Nun zeigen Studien: Die Branche belastet die Allgemeinheit massiv – finanziell, ökologisch und gesundheitlich. Eine zentrale Forderung nach dem Aus der umstrittenen Pelztierhaltung steht im Raum – auch wegen der Unvereinbarkeit mit den EU-eigenen Tierschutzgesetzen.
Eine ökologische Gesamtaufstellung und eine EU-Studie stellen die Wirtschaftlichkeit der europäischen Pelzindustrie infrage – nicht nur finanziell, sondern auch unter Umwelt- und Gesundheitsaspekten. Die Forschung zeigt: Selbst ohne die immensen Schäden für Tierwohl gerechnet, übersteigen die gesellschaftlichen Kosten der EU-Pelztierhaltung deutlich ihren Nutzen. Besonders alarmierend: Die Branche verursacht viel mehr Kosten als Umsatz. Was bedeutet das für die Debatte um ein EU-weites Pelzverbot?
In 23 EU-Ländern gibt es bereits (Teil-)Verbote der Pelzindustrie
Die Untersuchung „A full-cost account of the EU fur industry“ wurde im Oktober 2025 vom Umweltökonomen Griffin Carpenter veröffentlicht, mit Beiträgen von Eurogroup for Animals, Fur Free Alliance, FOUR PAWS International und Humane World for Animals. Der Bericht analysiert erstmals umfassend die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten der Pelzproduktion in der EU – inklusive wirtschaftlicher, ökologischer, gesundheitlicher und ethischer Aspekte.
Die Ergebnisse wurden im Rahmen der laufenden Diskussion über ein mögliches EU-weites Verbot der Pelztierhaltung erstellt, das nach einer erfolgreichen Bürgerinitiative von 2022 zur Debatte steht. Denn in den vergangenen Jahren haben bereits 23 der 27 EU-Mitgliedstaaten Schritte gegen die Pelztierhaltung unternommen – durch vollständige, teilweise oder faktische Verbote. Nur sechs Länder planen derzeit noch eine Fortsetzung der Produktion bis 2028. Die EU erwägt nun ein generelles Verbot der Haltung und des Handels mit Pelzprodukten aus Farmhaltung.
Ziel dieser Studie war es, die vollständigen gesellschaftlichen Kosten („Full-Cost Accounting“) der Pelzindustrie zu berechnen. Dieser Ansatz geht über die bloße betriebswirtschaftliche Bilanz hinaus und berücksichtigt auch Auswirkungen auf Umwelt, öffentliche Gesundheit und Tierwohl. Im Fokus stehen vier Arten (Nerz, Fuchs, Marderhund, Chinchilla) und acht Sektoren entlang der Wertschöpfungskette – von der Futtermittelproduktion bis zum Einzelhandel. Die ökologischen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Daten stammen aus amtlichen Quellen, wissenschaftlichen Studien und Branchenberichten.
Pelzindustrie macht 446 Millionen Miese
Die EU-Pelztierhaltung erzeugte 2024 rund 6,3 Millionen Pelze (davon 92 Prozent Nerz), mit einem geschätzten Umsatz von 183 Millionen Euro. Doch die wirtschaftlichen Kennzahlen zeigen drastischen Rückgang: In den vergangenen zehn Jahren sank die Anzahl der Farmen um 73 Prozent, die Produktion um 86 Prozent und die Beschäftigung um bis zu 92 Prozent. Bis 2028 wird ein weiterer Rückgang von bis zu 20 Prozent erwartet.
Besonders kritisch: Die Branche arbeitet mit einem Verlust von –58,4 Millionen Euro und einer negativen Bruttowertschöpfung von –9,2 Millionen Euro. Die jährlichen Steuereinnahmen (16,6 Millionen Euro) werden durch öffentliche Subventionen deutlich übertroffen. Etwa durch Corona-Entschädigungen, Vogelgrippe-Hilfen oder Sanktionsausgleiche, weil den Pelzfarmern das Russland-Geschäft weggebrochen ist.
3,22 Milliarden an dänische Nerzfarmer
Die EU-Pelztierhaltung steht also nicht nur wirtschaftlich schlecht dar, sondern ist auch ein erheblicher Nettoempfänger öffentlicher Gelder. Im Jahr 2024 generierte der gesamte Sektor nur 16,6 Millionen Euro an Steuereinnahmen, wobei 95 Prozent aus Lohnabgaben (Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge) stammen. Unternehmensgewinne spielten kaum eine Rolle – die Branche war insgesamt unprofitabel.
Dem gegenüber stehen massive staatliche Subventionen und Entschädigungszahlungen. Die größten Einzelposten:
- Dänemark zahlte im Zuge der coronabedingten Nerztötungen 3,22 Milliarden Euro an Züchter. Das entspricht dem 99-fachen der jährlichen Steuerleistung des gesamten Sektors.
- Finnland leistete insgesamt 78 Millionen Euro an Pelzfarmer: 36 Mio. Euro wegen Corona, 42 Mio. Euro wegen Vogelgrippe – das Neunfache der jährlichen Steuerleistung.
- Weitere Zahlungen gab es u. a. in Schweden, Litauen und Griechenland.
Die Studie bilanziert: Würde man die gezahlten Steuern mit den erhaltenen öffentlichen Geldern verrechnen, müsste die Branche über 100 Jahre lang Steuern auf jetzigem Niveau zahlen, um allein die dänische Corona-Kompensation zurückzuzahlen – und das ohne Berücksichtigung weiterer Subventionen.
Die Schattenrolle der EU
Die Subventionen an die Pelzindustrie stammen sowohl von einzelnen EU-Mitgliedstaaten als auch aus EU-Mitteln selbst. Letzteres betrifft insbesondere Zahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Allerdings ist die genaue Höhe der EU-weiten Zahlungen an Pelzfarmen nicht bezifferbar, da es an systematischer Erfassung fehlt.
„Es gibt keine standardisierte Erfassung der Zahlungen an EU-Pelzfarmen im Rahmen der GAP, weder für Direktzahlungen noch für Förderprogramme zur ländlichen Entwicklung“, heißt es in der Studie. Dennoch belegen Beispiele aus einzelnen Ländern, dass GAP-Mittel auch an Pelzfarmen fließen – etwa durch Programme zur Betriebsentwicklung oder Flächenprämien.
In einem Fall aus Finnland wurden Pelzfarmen aus EU-Mitteln für „Business Development“ unterstützt. Der Bericht verweist außerdem auf das Fehlen eines Ausschlusses der Pelzbranche in der GAP, was bedeutet, dass grundsätzlich jeder Mitgliedstaat Zahlungen an Pelzfarmen weiterreichen kann.
Die EU spielt also eine finanzielle Schattenrolle, obwohl der größte Teil der direkten Kompensationszahlungen – etwa für Covid-19 oder Vogelgrippe – von den Nationalstaaten stammt. Die tatsächliche Gesamtsumme der EU-Mittel bleibt jedoch intransparent und unbeziffert, was die Autoren der Studie auch ausdrücklich kritisieren.
Bedeutung der Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass die EU-Pelzindustrie unter dem Strich einen negativen gesellschaftlichen Beitrag leistet – selbst wenn man nur wirtschaftliche, ökologische und gesundheitliche Aspekte berücksichtigt. Wohlbemerkt: Die Rolle des Tierleids fand in den wirtschaftlichen Berechnungen noch nicht einmal Berücksichtigung, da es nur schwer anhand von Zahlen sichtbar gemacht werden kann.
Auch aus Umwelt- und Gesundheitsperspektive fällt die Bilanz negativ aus. Die Pelztierhaltung verursacht jährliche Umweltschäden in Höhe von 226 Millionen Euro und Gesundheitsrisiken (v. a. durch SARS-CoV-2) von 211 Millionen Euro. Zusammengenommen ergibt sich ein gesellschaftlicher Gesamtverlust von –446 Millionen Euro.
Die Studie bietet eine bislang einzigartige Gesamtrechnung der EU-Pelzindustrie, basiert in Teilen auf Modellrechnungen und konservativen Schätzungen. Einige Kosten – wie Zoonose-Risiken durch andere Erreger als SARS-CoV-2, Umweltauswirkungen von Chinchillazucht oder Tierwohl – konnten nicht vollständig beziffert werden. Das erhöht den negativen Wert der Branche in Wahrheit wahrscheinlich noch. 1
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Geschenke, die schlecht für das Tierwohl sind
EU-eigene Untersuchung zeigt Tierleid auf
Aber wie steht es wirklich um das Wohlergehen von Tieren auf europäischen Pelzfarmen? Das zeigt eine umfassende Untersuchung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Das Ergebnis: In den heute üblichen Käfigsystemen lassen sich zentrale Bedürfnisse dieser Tiere nicht erfüllen – und das führt zu teils gravierenden Leiden. Sie überprüften das Wohlergehen von Nerzen, Rot- und Polarfuchs, Marderhunden und Chinchillas, die ausschließlich zur Pelzgewinnung in der EU gehalten werden.
Die EFSA identifizierte bei allen untersuchten Arten drei grundlegende Probleme, die sich quer durch alle Haltungsformen ziehen:
- Einschränkung der Bewegungsfreiheit: Tiere können weder laufen noch springen, ihre artspezifischen Bewegungsbedürfnisse bleiben unerfüllt.
- Unfähigkeit zur Ausübung von Erkundungs- und Futtersuchverhalten: Elementare Verhaltensweisen wie Graben, Jagen, Klettern oder Schwimmen sind nicht möglich.
- Sensorische Unter- oder Überstimulation: Die Tiere sind entweder Reizarmut oder Reizüberflutung ausgesetzt, ohne Möglichkeit zur Kontrolle oder zum Rückzug.
Diese zentralen Probleme stehen in direktem Zusammenhang mit der Käfiggröße und der kargen Ausstattung der Haltungseinrichtungen. Darüber hinaus wurden artspezifische Leiden identifiziert. Nerze zeigen häufig Haut- und Weichteilverletzungen sowie ausgeprägten Stress bei der Handhabung durch den Menschen. Bei Polarfuchsen treten Lahmheiten auf, die teilweise auf genetische Zuchtmerkmale zurückgehen. Marderhunde leiden unter Isolation, da sie einzeln gehalten werden. Chinchillas zeigen erhebliche Probleme beim Ruhen und vermehrten Stress in Situationen, die potenzielle Bedrohungen durch Beutegreifer simulieren.
Pelztierhaltung mit EU-eigenen Gesetzen nicht vereinbar
Das Fazit der EFSA ist deutlich: In der überwiegenden Zahl der Fälle können die identifizierten Leiden in den derzeitigen Systemen weder verhindert noch substanziell gemindert werden. Dies gilt als umfassender Beleg dafür, dass die heute praktizierten Haltungssysteme den Grundbedürfnissen der Tiere nicht gerecht werden. Die gegenwärtigen Haltungsbedingungen führen also systematisch zu erheblichen Leiden bei allen untersuchten Arten.
Entscheidend ist dabei: Selbst umfangreiche Anpassungen im Detail – etwa durch Bereitstellung von Spielmaterial, Modifikation des Futters oder veränderte Handhabung – führen nicht zu einer substanziellen Verbesserung des Tierwohls, solange die grundlegenden Parameter wie Platzangebot und strukturelle Komplexität des Lebensraums unverändert bleiben. Die Studie zeigt zudem, dass auch gezielte Zucht auf ruhigere oder weniger ängstliche Tiere keine Abhilfe schafft. Die Grundbedürfnisse der Arten würden auch durch Domestikation unberührt bleiben.
Substanzielle Verbesserungen wären nur durch einen vollständigen Wechsel zu einem anderen Haltungssystem möglich. Ein solcher ist jedoch bislang weder etabliert noch praxiserprobt. Damit stellt sich aus Sicht des Tierschutzes die grundsätzliche Frage, ob die Pelztierhaltung in der EU überhaupt noch gerechtfertigt werden kann. Die Stellungnahme liefert eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für politische Entscheidungen – bis hin zu einem möglichen Verbot der Pelztierhaltung auf EU-Ebene. 2