15. Mai 2026, 14:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Proteinriegel für Hunde. KI-Katzenklappen, die Mäuse aussperren. Mystery-Boxen für Haustiere nach dem Prinzip der beliebten Labubu-Figuren. Und mittendrin die große Frage: Wann wird aus Fürsorge eigentlich Vermenschlichung? Alle zwei Jahre trifft sich die internationale Heimtierbranche auf der Fachmesse „Interzoo“ in Nürnberg. PETBOOK war 2026 vor Ort. Zwischen smarter KI-Technik, Gesundheits-Hype und luxuriösen Lifestyle-Produkten zeigte sich dabei vor allem eines: Haustiere werden längst behandelt wie vollwertige Familienmitglieder – mit allen Vor- und Nachteilen.
Wer zwei Tage über die Interzoo 2026 in Nürnberg läuft, merkt schnell: Die Heimtierbranche will längst mehr sein als nur Zubehör- und Futterlieferant. Auf der Weltleitmesse mit rund 2.400 Ausstellern aus etwa 70 Ländern und 15 Hallen zeigte sich vor allem eines: Haustiere werden zunehmend wie Familienmitglieder behandelt – mit allem, was dazugehört.
Und genau das spiegelt sich in den Trends wider, die der PETBOOK-Redaktion besonders aufgefallen sind.
Gesundheit ist das neue Premium
Der mit Abstand größte Trend der Interzoo 2026: Healthcare. Oder anders gesagt: Alles, was Hund, Katze oder Kaninchen möglichst gesund, fit und langlebig machen soll.
Kaum ein Stand kam noch ohne Zusätze, Pulver oder funktionale Snacks aus. Kollagen fürs Fell, Elektrolytdrinks für aktive Hunde, Mikrobiom-Supplements, beruhigende Snacks oder Vitaminmischungen – vieles erinnerte eher an eine Fitnessmesse für Menschen als an eine Heimtiermesse.
Der „Riesen-Hype“: Funktionale Snacks
Auch Jan Wittmann, Geschäftsführer der Hunde-App Dogorama, beobachtet genau diesen Trend: „Funktionale Snacks“ seien aktuell „der Riesen-Hype“. Produkte sollen nicht mehr nur schmecken, sondern angeblich aktiv Gelenke unterstützen, das Immunsystem stärken oder Stress reduzieren. Gleichzeitig schwappen immer mehr Ernährungstrends aus der Humanwelt in den Heimtiermarkt – von Kollagen bis Elektrolyten.
Das passt auch zur offiziellen Einordnung der Messe. ZZF-Präsident Norbert Holthenrich erklärte in der Pressemitteilung, Heimtierhalter würden zunehmend zu „Gesundheitsmanagern“ ihrer Tiere. Entsprechend stark wachse der Bedarf an gesundheitsfördernden Produkten.
Besonders auffällig: Die Branche denkt Gesundheit inzwischen weit über Futter hinaus. Auf der Interzoo 2026 sahen wir intelligente Tracker für Herzschlag und Atmung, Katzenstreu, das Krankheiten anhand von Farbveränderungen erkennen soll, sowie neue Temperaturmessgeräte für Hunde und Katzen.
KI hält Einzug in den Haustieralltag
Künstliche Intelligenz war auf der Interzoo omnipräsent – oft mit durchaus sinnvollen Anwendungen.
Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgte die Katzenklappe von ZeroMOUSE™. Das System fotografiert die Katze beim Betreten und analysiert per KI, ob sie Beute im Maul trägt. Erkennt die Software eine Maus, einen Vogel oder sogar nur einen Schwanz, bleibt die Klappe verriegelt.
Die Reaktionen am Stand seien entsprechend deutlich gewesen. „KI löst hier ein echtes Alltagsproblem: kein totes Tier mehr im Wohnzimmer“, erklärte das Unternehmen. Viele Besucher hätten das Produkt sofort haben wollen.
Interessant dabei: Die Technologie geht inzwischen weit über reine Beuteerkennung hinaus. Die neue Generation erkennt laut Hersteller auch einzelne Katzen anhand ihres Gesichts – ein Mikrochip sei künftig nicht mehr nötig.
Genau das zeigte sich auf der Interzoo 2026 immer wieder: KI soll Heimtierhaltung bequemer machen. Selbstreinigende Katzentoiletten, automatische Futterstationen oder Überwachungskameras gehören inzwischen fast zum Standard.
Die PETBOOK-Redaktion sieht diese Entwicklung allerdings nicht ganz unkritisch. Viele Produkte vermitteln unterschwellig die Botschaft, man könne Tiere problemlos lange alleine lassen, weil Technik den Alltag übernimmt. Gerade bei Katzen halten wir das für problematisch.
Haustiere sind keine „Ladung“ mehr
Auch beim Zubehör steigt der Anspruch. Haustiere gelten im Auto als Ladung und werden dementsprechend gesichert. Heute geht es uns aber nicht darum, dass unser Hund bei einem Unfall nicht zum Wurfgeschoss wird. Er soll auch überleben. Moderne Transportboxen orientieren sich inzwischen an Babyschalen und Kindersitzen. Hersteller wie Tavo setzen auf crashgetestete Systeme mit Knautschzonen und Isofix-kompatiblen Halterungen.
Auch das deutsche Familienunternehmen Hunter zeigt, dass Haustiere nicht nur funktionieren sollen – es soll ihnen gut gehen: Co-CEO Jan Oßenbrink stellte ein neues Hundegeschirr mit Magnetverschluss und besonders ergonomischer Passform vor – inspiriert von Pferdesätteln. Damit soll der Hund das Gefühl haben, dass er gar kein Geschirr trägt. Es gibt also kaum Reibungspunkte oder Beeinträchtigungen in der Bewegung.
Labubus für Hunde?
Wie viele Unternehmen der Branche orientiert sich auch Hunter mittlerweile an menschlichen Lifestyle- und Social-Media-Trends: Mit sogenannten Mystery-Boxen, die nach dem Prinzip der beliebten Labubu-Sammelfiguren funktionieren. Käufer wissen vorher nicht, welches Spielzeug oder Kuscheltier sie bekommen. Besonders seltene Varianten sollen den Sammelreiz erhöhen.
Und auch optisch verschwimmen die Grenzen zwischen Tier- und Menschenwelt zunehmend. Auf der Messe fanden sich kunstvolle Hundetörtchen, Waffelmischungen, Eiscreme oder Gebäck für Haustiere – perfekt inszeniert für Social Media.
Diese Haustier-Produkte haben uns auf der Interzoo 2024 am meisten überrascht
CEOs von Hunter: »Viele Mitarbeiter testen die Produkte an ihren eigenen Hunden
Nachhaltigkeit? Spielt plötzlich wieder eine kleinere Rolle
Erstaunlich war allerdings, welcher große Trend der vergangenen Jahre auf der Messe deutlich weniger präsent wirkte: Nachhaltigkeit.
Zwar betont die Interzoo offiziell weiterhin nachhaltige Produktion, alternative Proteinquellen und ressourcenschonende Materialien als zentrales Zukunftsthema. Doch auf den Hallenflächen selbst zeigte sich auf den ersten Blick ein anderes Bild. Was schade ist, denn viele Unternehmen legen tatsächlich weiterhin Wert auf Nachhaltigkeit, umweltschonende Produktion, recyclebare Materialien und Unterstützen auch Tierschutz. Das bekommt man als Verbraucher aber oft nur mit, wenn man genau hinschaut.
Dogorama-Geschäftsführer Jan Wittmann sagte offen, Nachhaltigkeit sei bei vielen Tierhaltern inzwischen „unsexy geworden“. Statt um ökologische Aspekte gehe es häufig stärker um das Gefühl, dem Tier etwas Gutes zu tun.
Auch der PETBOOK-Redaktion fiel auf: viel buntes Plastik, stark beworbene mineralische Katzenstreu, die jedes Jahr 630.000 Tonnen verursacht, und deutlich weniger nachhaltige Innovationen als noch vor zwei Jahren. Gleichzeitig verschiebt sich der Markt zunehmend Richtung Premium – gerade internationale Hersteller setzen stärker auf hochwertige, luxuriöse Produkte.
Wo die Branche noch Nachholbedarf hat
Neben aller Innovation blieb auf der Interzoo aber auch Kritik hängen.
Immer noch werben manche Hersteller mit Qualzuchten – etwa stark überzüchteten Französischen Bulldoggen. Besonders irritierend: Tiere mit schweren Atemproblemen wurden teils ausgerechnet mit Ballspielzeug inszeniert.
Die ZZF betont zwar, man spreche Aussteller aktiv darauf an und sensibilisiere internationale Unternehmen stärker für das Thema Tierwohl. Gerade außerhalb Deutschlands fehle dafür oft noch das Bewusstsein.
Trotzdem zeigte die Messe insgesamt deutlich, wohin die Heimtierbranche steuert: weg vom simplen Haustierbedarf, hin zu einer emotionalisierten, technisierten und hochpreisigen Erlebniswelt rund ums Tier.
Oder anders gesagt: Hunde und Katzen werden längst nicht mehr nur versorgt. Sie bekommen inzwischen denselben Lifestyle wie ihre Besitzer – inklusive Supplements, Smart-Home-Technik und Überraschungsboxen.