23. Februar 2026, 13:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wer Pferde auf der Weide beobachtet, sieht sie häufig scheinbar reglos in der Sonne stehen – mit halb geschlossenen Augen, locker hängender Lippe. Doch schlafen sie tatsächlich im Stehen oder täuscht der Eindruck? Ein Blick auf das Schlafverhalten von Pferden zeigt: Hinter dem Dösen steckt ein ausgeklügeltes System aus Instinkt, Anatomie und Überlebensstrategie.
Übersicht
- Pferde liegen normalerweise nicht am Boden
- Pferde schlafen im Stehen und träumen im Liegen
- Warum Schlafen im Liegen besser sein kann
- Schlafen im Stehen erleichtert Pferden die Flucht
- Warum fallen Pferde beim Schlafen im Stehen nicht um?
- Wie unterscheidet sich das Schlafverhalten von alten und jungen Pferden?
- Quellen
Pferde liegen normalerweise nicht am Boden
Viele Pferdehalter bekommen im wahrsten Sinne des Wortes einen Schock, wenn sie zur Koppel kommen und ihr Pferd mit allen Beinen von sich gestreckt, liegen sehen. Panisch ruft man dann den Namen des Pferdes, das dann ganz gemütlich den Kopf hebt, als wäre alles in bester Ordnung.
Normalerweise ist es untypisch, dass Pferde auf der Koppel flach auf dem Boden liegen. Eher sieht man die Tiere auf der Wiese mit geschlossenen Augen und einem angewinkelten Hinterbein in der Sonne dösen. Aber schlafen Pferde jetzt doch eher im Stehen oder im Liegen?
Pferde schlafen im Stehen und träumen im Liegen
Im Verhältnis zum Mensch schlafen Pferde weniger. Während wir im Erwachsenenalter sechs bis acht Stunden Schlaf pro Tag brauchen, sind es bei Pferden gerade einmal drei bis fünf Stunden am Tag. Je nach Rasse und individuellen Bedürfnissen kann sich aber auch das Schlafbedürfnis des einzelnen Tieres unterscheiden. Fohlen jedoch verbringen bis zu zehn Stunden am Tag schlafend. Dafür legen sich die Tiere teilweise auch tatsächlich hin und strecken Vorder- und Hinterläufe weit von sich.
Einen großen Teil ihres Schlafs holen sich Pferde im Dämmerzustand, den sie meistens im Stehen verbringen. Nur in die REM-Phase, also die Zeit, in der auch Pferde träumen, können die Tiere nicht im Stehen erreichen. Manche Pferde sieht man auch etwas entspannter auf dem Bauch dösen, die Beine sind dabei angewinkelt oder zur Seite abgelegt. Der Kopf wird dabei entweder auf der Brust abgelegt oder nach vorn gestreckt.
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Warum Schlafen im Liegen besser sein kann
Doch reicht der Dämmermodus aus, oder müssen Pferde sich auch mal hinlegen, um richtig zu schlafen? Vielleicht kennen Sie das: Sie hatten einen langen Tag und stehen am nächsten Morgen eher unerholt wieder auf. Schuld daran ist meistens ein „flacher Schlaf“. Irgendwie hat man geschlafen, aber gleichzeitig hatte man dann wenig und kurze Tiefschlafphasen. Ähnlich ist es laut einer Studie auch bei Pferden. Im Stehen ist dieser Tiefschlaf mit vollständiger Muskelerschlaffung nicht möglich. Genau dieser REM-Schlaf spielt jedoch eine zentrale Rolle für die Motivation und Leistung der Tiere.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Helsinki, die 2026 in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde. Die Forscher beobachteten, dass Pferde mit längerer REM-ähnlicher Schlafdauer bei anspruchsvollen Lernaufgaben ausdauernder waren und weniger Frustverhalten zeigten. Für den Stallalltag bedeutet das: Ausreichend Platz, eine bequeme Liegefläche und eine ruhige Umgebung sind nicht nur für die körperliche Erholung wichtig – sie unterstützen vermutlich auch Konzentration, Motivation und Lernfähigkeit. Sich hinzulegen, ist für Pferde also kein Luxus, sondern Voraussetzung für echte mentale Regeneration. 1
Schlafen im Stehen erleichtert Pferden die Flucht
Das für Menschen etwas seltsam anmutende Schlafverhalten hat einen einfachen Grund: Pferde sind Fluchttiere. Seit jeher mussten sie vor Räubern schnell Reißaus nehmen können. Wer bereits steht und meist nur leicht döst, dabei aber Hör-, Seh- und Geruchssinn aber weiterhin verfügbar hat, kann nahende Feinde frühzeitiger wahrnehmen und aus dem Stand heraus einfach lossprinten, wenn es nötig sein sollte.
Bei Herden in freier Wildbahn gibt es darüber hinaus immer ein paar Pferde, die Wache halten und wach bleiben, um bei Gefahr die anderen Pferde zu warnen. Auch bevorzugen Wildpferde oft höhergelegene Liege- und Ruheplätze, um einen guten Rundumblick zu haben. Dieses Verhalten ist in unseren Breiten und in einer sicheren Stallbox natürlich nicht mehr notwendig. Aber Instinkte lassen sich nicht einfach so ablegen. Deshalb dösen Pferde bis heute im Stehen.
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Warum fallen Pferde beim Schlafen im Stehen nicht um?
Wer schon einmal im Zug eingeschlafen ist, kennt das Gefühl, wenn man einschläft und der Kopf auf einmal zur Seite sackt. Pferde scheinen auch beim Schlafen im Stehen ein Fels in der Brandung zu sein. Auch der entspannteste Schlafzustand kann nichts daran ändern, dass die Tiere festen Boden unter den Füßen haben. Dies haben sie ihren speziellen Kniegelenken zu verdanken. Hier bewahrt die sogenannte Spannsägenkonstruktion sie vor dem Umkippen. Hierbei kann das Pferd bei je einem Bein die Kniescheibe verschieben und einhaken. Das Kniegelenk wird dadurch unbeweglich und hält den Stand somit stabil. Allerdings muss das Pferd das blockierte Bein etwa alle zehn Minuten wechseln.
Wie unterscheidet sich das Schlafverhalten von alten und jungen Pferden?
Während Fohlen, wie schon erwähnt, ein sehr hohes Schlafbedürfnis haben, nimmt dieses im Laufe des jungen Lebens immer weiter ab. Die erwachsenen Pferde sind aktiver und brauchen weniger Erholungsphasen. Zum Ende des Lebens hin werden die Tiere wieder ruhiger und brauchen wieder längere Erholungsphasen. Mit dem Alter fällt es vielen Pferden schwer, nach dem Liegen wieder aufzustehen. Hier sollten Halter auf ausreichend Platz in der Box achten, denn nur im Liegen können Pferde die REM-Schlafphase durchlaufen, die für ein gesundes Pferdeleben wichtig ist. Pferde, die sich nicht mehr hinlegen, können auf Dauer unter Schlafstörungen leiden.