6. März 2026, 15:39 Uhr | Lesezeit: 3 Minuten
Kennen Sie den „Klugen-Hans-Effekt“? Hinter diesem Phänomen steckt eine teils skurrile Geschichte über ein Pferd, das wohl rechnen und schreiben konnte. PETBOOK klärt auf, was dahintersteckt und wie intelligent Pferde tatsächlich sind.
Wie intelligent sind Pferde wirklich?
Viele Pferdehalter schreiben ihren Tieren ein hohes Maß an Bewusstsein und Intelligenz zu. Wer regelmäßig Zeit mit Pferden verbringt, kennt dieses Gefühl: Die Tiere scheinen genau zu wissen, welche „Knöpfe“ sie bei uns drücken müssen. Auch ich hatte während meiner Zeit im Stall oft den Eindruck, dass meine Stute mich bei unserer ersten Begegnung am Tag regelrecht musterte. War ich traurig oder angespannt, spiegelte sie mein Verhalten häufig wider.
Tatsächlich bestätigen Studien, dass Pferde menschliche Emotionen wahrnehmen können. So reagieren sie unter anderem auf Angst, die sie über den Geruch wahrnehmen, den unser Körper in Stresssituationen ausschüttet. Auch die Frage, ob Pferde Situationen abwägen und strategisch denken können, beschäftigt die Forschung bis heute. Eine Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte genau dieses Verhalten, wie PETBOOK berichtete.1
Wer war der „Kluge Hans“?
Die Geschichte klingt fast zu unglaublich, um wahr zu sein: ein Pferd, das rechnen, lesen und sogar Kunststile erkennen kann. Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte genau das für großes Aufsehen. Im Mittelpunkt stand ein Pferd namens Hans II., besser bekannt als der „Kluge Hans“.
Sein Besitzer, der Berliner Lehrer Wilhelm von Osten, präsentierte Hans II. als außergewöhnlich begabt. Das Pferd soll „Multiplikations- und Divisionsaufgaben durch Tritte“ richtig beantwortet haben, wie es in der Einleitung des Gutachtens über Hans heißt. Hans II. war nicht das erste Pferd von Wilhelm von Osten – sein Vorgänger trug ebenfalls den Namen Hans und soll ähnliche Fähigkeiten besessen haben. Als der erste Hans starb, kaufte sich von Osten fünf Jahre später einen neuen Hengst. Hans II. wurde mehrere Jahre von ihm unterrichtet, der von der Intelligenz seines Orloh-Trabers überzeugt war.2, 3
Selbst Wissenschaftler waren ratlos
Von Osten zeigte die Fähigkeiten seines Pferdes zunächst seinen Nachbarn. Allerdings wollte er die Leistungen seines Hengstes wissenschaftlich anerkennen lassen. Eine Untersuchungskommission beobachtete daraufhin das Pferd beim Rechnen und Buchstabieren auf dem Hinterhof des Lehrers, wie Dr. Heike Baranzke im Newsportal der Bergischen Universität Wuppertal erläutert.4
Das überraschende Ergebnis: Wilhelm von Osten trickste nicht, das Pferd gab richtige Antworten. Dennoch blieb unklar, wie Hans II. scheinbar korrekt auf die Aufgaben reagieren konnte. Erst durch ein genaueres Gutachten konnte die Vermutung aufgestellt werden, dass das Pferd seine Antworten nicht aus Verständnis ableitete, sondern aus den Reaktionen seines menschlichen Gegenübers.
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Der „Kluge-Hans-Effekt“
Hans II. orientierte sich an minimalen, unbewussten Signalen: Veränderungen in der Körperhaltung, der Mimik oder der Spannung seines Publikums. Aus dieser Erkenntnis entstand der Begriff des „Kluge-Hans-Effekts“. Er beschreibt das Phänomen, dass Versuchspersonen unbewusst Hinweise aus ihrer Umgebung aufnehmen und dadurch scheinbar beeinflusste Leistungen erbringen.
Der Effekt spielt bis heute eine zentrale Rolle in der Tierforschung und Psychologie. Auch in der modernen KI-Forschung dient er als wichtige Mahnung: Ergebnisse können durch Erwartungen und subtile Signale verzerrt werden, ohne dass dies den Beteiligten bewusst ist.
Intelligent – aber anders
Der „Kluge Hans“ konnte weder lesen noch rechnen. Dennoch zeigt seine Geschichte eindrucksvoll, wie sensibel Pferde ihre Umwelt wahrnehmen. Ihre Stärke liegt nicht in abstraktem Denken, sondern in sozialer Intelligenz, Beobachtungsgabe und emotionaler Wahrnehmung – Fähigkeiten, die sie seit Jahrtausenden zu engen Begleitern des Menschen machen.