6. Dezember 2025, 15:54 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Ein Zischen, der Geruch verbrannter Haut – und ein Fohlen, das nie vergisst. Für manche ist es gelebte Tradition, für andere pure Tierquälerei: das Brandzeichen beim Pferd. PETBOOK erklärt, was dahintersteckt und warum das Verfahren auch heute noch nicht komplett verboten ist.
Was ist ein Brandzeichen?
Ein Brandzeichen ist eine Art Markierung, die die Identifizierung des Pferdes erleichtern soll. Dabei wird ein Eisenstempel bis auf 80 Grad Celsius erhitzt und auf eine rasierte Stelle des Fohlens gepresst.
Jede Rasse hat ein eigenes Symbol, welches auf die linke Hinterhand des Pferdes gebrannt wird. Außerdem gibt es noch ein Züchterbrand-Symbol: Dieses Brandzeichen wird beim Pferd auf das rechte Hinterbein gebrannt.
Unter dem Brandzeichen beim Pferd findet sich meistens noch eine Nummer. Diese kann unter anderem Aufschluss über ein Zuchtbuch geben oder einen Hinweis auf das Gestüt oder den Besitzer. 1,2
Leiden Pferde Schmerzen bei der Brandmarkierung?
Wenn ein Pferd mit einem Brandzeichen versehen wird, passiert das bei Fohlen typischerweise im Alter von drei bis fünf Monaten. Die Brandmarkierung wird ohne lokale Betäubung durchgeführt. Ob Sie dabei Schmerzen haben? Wenn Sie mal aus Versehen auf eine angeschaltete Herdplatte gefasst haben, werden Sie die Antwort kennen. Mit Glück kommt man in so einem Fall mit schmerzhaften Brandblasen davon. Bei den jungen Fohlen ist es auch so – nur dass sie meist Verbrennungen dritten Grades erleiden. Dabei werden Hautzellen und Nervenenden der sensiblen Tiere zerstört.
Nach dem Brand wird es auch nur langsam halbwegs besser. Solche Wunden müssen lange heilen und benötigen intensive Pflege, um Infektionen vorzubeugen. Besonders makaber ist das ganze Spiel für Schimmel. Aufgrund ihrer hellen Fellfarbe sieht man nach der Heilung das Brandzeichen nur schwer, weswegen bei Schimmeln das heiße Eisen meist einen schmerzvollen Moment länger in die Haut gepresst wird. Pferde zeigen dabei eine deutliche Abwehrhaltung. 3
Tradition trifft Tierschutz: Streit um das heiße Eisen
Die Diskussion über Brandzeichen gibt es schon recht lang. Die Debatte wurde vor allem von zwei Hauptakteuren geführt. Einerseits Züchterverbände – für sie war die Prozession des Heißbrandes Tradition, die von Generation zu Generation auf den Gestüten weitergetragen wurde. Andererseits hielten Tierschützer und die Bundestierärztekammer dagegen: Sie gehen davon aus, dass diese Tradition überflüssig ist und bei dem Tier keinen Mehrwert außer Schmerzen bringt. 2012 wurden die Stimmen auf beiden Seiten immer lauter. Tierschützer forderten Züchter auf, sich von den Brandzeichen zu verabschieden, und betonten die dringliche Wichtigkeit einer Gesetzesanpassung zum Wohle der Tiere. Trotzdem kam man zu keiner Einigung.4
Verboten, ja oder nein? Klares Jein!
Am 1. Januar 2019 erfolgte eine Gesetzesänderung zum Thema Brandzeichen beim Pferd. Das Gesetz nach dem Tierschutzgesetz § 6 war gleichermaßen fortschrittlich und verwirrend: Eine Brandmarkierung im traditionellen Sinne ohne Betäubung wurde verboten. Mit der Ausnahme: Wenn das Pferd eine lokale Betäubung bekommt, dann dürfe es auch gebranntmarkt werden.
So weit, so gut – doch jetzt wird es erst richtig verwirrend. In Deutschland gibt es kein passendes Narkosemittel für die Brandzeichen bei Pferden. Im Umkehrschluss heißt das für die Praxis, dass Fohlen und Pferde, solange es kein adäquates Mittel gibt, nicht markiert werden dürfen.
Warum das heiße Eisen längst überflüssig ist
Für einige Menschen war die Debatte „Brandzeichen beim Pferd“ eher unnötig. Als diese 2012 und dann 2018/19 noch einmal entfachte, gab es schon lange eine Lösung: Am 1. Januar 2009 wurde nämlich die allgemeine Chip-Pflicht für Pferde eingeführt. Darin abzulesen ist die Lebensnummer, auch bekannt als Identifikationsnummer. Diese ist mit dem Pferdepass, Halter und Registrierung verknüpft. Somit benötigt man eigentlich kein Brandzeichen. 5
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Es ist schon ziemlich aus der Zeit gefallen, ein Brandzeichen auf die Hinterhand seines Pferdes zu brennen. Doch das gilt nicht für die gesamte Weltkarte. So gab es Pferderennkommissionen, die vorschrieben, Rennpferde mit einem Code, bestehend aus Zahlen und Buchstaben, zu versehen. Nicht etwa durch einen Chip, sondern durch eine Lippentätowierung. Diese verblasst nach kurzer Zeit – in der Regel nach drei bis fünf Jahren. 6
Glühendes Eisen, brennendes Gewissen
Brandzeichen mögen einst ein Symbol für Herkunft und Stolz gewesen sein – heute stehen sie sinnbildlich für eine überholte Praxis. Moderne Identifikationsmethoden wie Mikrochip oder DNA-Datenbank machen das heiße Eisen schlicht unnötig. Was bleibt, ist die Frage, ob Tradition den Schmerz eines Tieres rechtfertigen darf. In einer Zeit, in der Tierschutz und Technik Hand in Hand gehen können, sollte die Antwort klar sein: Das Wohl des Pferdes muss immer an erster Stelle stehen.
