9. Juli 2026, 17:22 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Immer wieder sorgen Berichte aus Indonesien für Entsetzen: Menschen verschwinden, später wird ihr Körper im Bauch einer Riesenschlange gefunden. Erst im Juni 2026 wurde gemeldet, dass eine 44-jährige Frau auf einer Plantage von einem fast acht Meter langen Netzpython getötet wurde. Als ihr Mann sie fand, hatte das Tier bereits begonnen, ihren Körper zu verschlingen. Doch können Schlangen einen erwachsenen Menschen wirklich fressen oder ist das vor allem ein Mythos aus Filmen und Horrorgeschichten?
Nur wenige Schlangen sind dazu überhaupt in der Lage
Die kurze Antwort lautet: Ja, es ist möglich. Aber nur unter sehr bestimmten Voraussetzungen. „Das ist nur möglich, wenn die Schlange groß genug ist, nachgewiesen bei der Netzpython und der afrikanischen Felsenpyton“, erklärt Dr. Jakob Hallermann, Kurator der Sektion Herpetologie beim Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels, gegenüber PETBOOK.
Entscheidend sei dabei nicht nur die Länge des Tieres. Auch Körperumfang und Gewicht spielten eine Rolle. Eine Riesenschlange müsse laut Hallermann etwa fünf Meter erreichen, um einen erwachsenen Menschen verschlingen zu können. Grundsätzlich gelte: Je größer die Schlange, desto größere Beute könne sie bewältigen.1
Warum gerade aus Indonesien Fälle bekannt werden
Besonders häufig tauchen entsprechende Berichte aus Indonesien auf. Das liegt laut Hallermann nicht daran, dass Netzpythons gezielt Menschen jagen würden. Vielmehr überschneiden sich dort die Lebensräume von Menschen und Schlangen.
Netzpythons leben in der Nähe menschlicher Siedlungen, Plantagen und ländlicher Gebiete. Gleichzeitig ist die Bevölkerungsdichte in Indonesien hoch. Dadurch kommt es eher zu Begegnungen zwischen Menschen und diesen sehr großen Schlangen.
Solche Fälle seien dennoch „sehr selten“, sagt Hallermann. Menschen gehören also nicht zum normalen Beutespektrum dieser Tiere. Kommt es trotzdem zu einem Angriff, handelt es sich um extreme Ausnahmefälle.
Anakonda: Todesfälle ja, Verschlingen nicht belegt
Wenn es um menschenfressende Riesenschlangen geht, denken viele sofort an die Anakonda. Doch hier ist die Lage anders als beim Netzpython. Zwar können Grüne Anakondas gewaltige Größen erreichen, die oft genannten sieben oder acht Meter seien aber absolute Ausnahmefälle. Hallermann verweist auf eine wissenschaftliche Untersuchung, bei der rund 600 Anakondas vermessen wurden. Keine davon war größer als sechs Meter. Das größte nachgewiesene Reptil dieser Art sei 1945 mit acht Metern gemessen worden.
Wissenschaftlich belegte Fälle, in denen eine Anakonda einen Menschen vollständig verschlungen hat, kennt Hallermann nicht: „Todesfälle ja, aber kein Verschlingen.“ Auch das berühmte Discovery-Channel-Experiment „Eaten Alive – Das Anakonda-Experiment“ aus dem Jahr 2014 bewertet der Herpetologe kritisch. Bei dem Versuch wollte sich der Amerikaner Paul Rosolie in einem Spezialanzug von einer Grünen Anakonda bei lebendigen Leib verschlingen lassen. Einen Versuch, den Dr. Hallermann als „völlig irrational“ betitelt.
Über 250 Kilogramm! Schwerste Schlange der Welt entdeckt
Die 6 größten Schlangen der Welt
Warum Riesenschlangen so große Beute schlucken können
Dass Riesenschlangen überhaupt so große Tiere verschlingen können, liegt an ihrer besonderen Anatomie. Ihr Kiefer ist extrem beweglich. Anders als oft gesagt, „renken“ Schlangen ihren Kiefer dabei nicht einfach aus. Vielmehr sind die Knochen im Schädel über dehnbare Bänder miteinander verbunden. So kann sich das Maul weit öffnen.2
Die Beute wird anschließend langsam im Ganzen hinuntergeschoben. Riesenschlangen beginnen dabei meist am Kopf, damit Gliedmaßen nicht im Schlund hängen bleiben. Nach einer großen Mahlzeit läuft der Stoffwechsel der Schlange auf Hochtouren. Organe wie Darm, Leber und Herz arbeiten deutlich stärker, bis die Beute verdaut ist.
Mythos mit wahrem Kern
Die Vorstellung von menschenfressenden Schlangen wird in Filmen und Schlagzeilen oft übertrieben. Trotzdem ist sie nicht völlig erfunden. Sehr große Netzpythons und Afrikanische Felsenpythons können einen Menschen unter extrem seltenen Umständen tatsächlich töten und verschlingen.
Für die allermeisten Menschen besteht durch Riesenschlangen keine reale Gefahr. Die wenigen bekannten Fälle zeigen aber: ganz ausschließen lässt sich das nicht – wenn eine Schlange groß genug ist und Mensch und Tier zur falschen Zeit am falschen Ort aufeinandertreffen.