22. Oktober 2026, 6:11 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
„Mein Hund hat gestern die Couch gefressen” – mit diesem Anruf begann ein ganz normaler Arbeitstag für Katharina Marioth, Hundetrainerin seit 2018. In ihrer neuen monatlichen PETBOOK Kolumne erzählt sie von skurrilen Anfragen, Fällen, die sie geprägt haben und davon, was in der Hundeszene schiefläuft.
Mein Hund hat die Couch gefressen
„Guten Morgen, entschuldigen Sie die frühe Störung. Mein Hund hat gestern die Couch gefressen. Können Sie heute noch vorbeikommen?“ So begann vor Kurzem ein Arbeitstag. Ich stand gerade mit dem ersten Kaffee in der Küche, das Telefon klingelte, und am anderen Ende sprach eine Frau, die klang, als hätte sie nicht geschlafen. Nach einem Moment des Schweigens fragte ich das Naheliegende: ob der Hund noch lebe. Er lebte, es ging ihm blendend und er lag, wie sie mir versicherte, zufrieden im Flur, umgeben von etwas, das früher ein Sofa gewesen war.
Was Sie in dieser Kolumne erwartet
Mit dieser Szene möchte ich eine neue Reihe eröffnen. Ab jetzt erzähle ich Ihnen hier einmal im Monat aus meinem Alltag als Hundetrainerin. Es soll um die Fälle gehen, an denen ich am meisten gelernt habe, um Anfragen, die so skurril sind, dass ich sie mir nicht ausdenken könnte, und um Momente, die mir im Gedächtnis geblieben sind, weil ich lachen musste oder weil sie mich nachdenklich gemacht haben.
Ich werde von den Anfängen erzählen, als ich noch nicht wusste, wie sehr dieser Beruf mein Leben verändern würde, von meinem schwierigsten Fall, von Hunden, die mich fürchterlich beeindruckt haben, und manchmal auch von Menschen, die mir mehr Sorgen bereiten als jeder Hund. Und ich werde nicht verschweigen, was in der Hundeszene alles schiefläuft.
Ein Sofa wird zum Schaumstoffmeer
Zurück zur Couch. Ich fuhr am Nachmittag hin und traf einen Junghund von etwa acht Monaten, der mich mit einer Begeisterung begrüßte, die man nur bei jungen Hunden erlebt, die nichts, aber auch wirklich nichts bereuen. Die Familie war sympathisch und ratlos zugleich. Beide Eltern arbeiteten in Vollzeit, der Hund war neun Stunden am Tag allein. Gegen Mittag hatte er sich offenbar eine Beschäftigung gesucht. Das Sofa war im Anschluss ein Schaumstoffmeer aus Stoffresten. Was ich dort sah, war kein böses Tier, sondern ein Hund, dem schlicht niemand gezeigt hatte, was er mit seiner Energie anfangen soll.
Wir haben den Tag der Familie neu sortiert, einen Hundesitter für die Mittagszeit organisiert und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Zeit allein aufgebaut. Ein paar Wochen später schickte mir die Frau ein Foto von dem neuen Sofa. Der Hund lag brav auf seiner Decke daneben. Ich hätte gern geschrieben, dass er nie wieder etwas angeknabbert hätte, aber ich möchte in dieser Kolumne ehrlich bleiben: Der Couchtisch hat es nicht überlebt.
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Wie ein Hund meine Mappe erobert hat
Dass ich heute morgens um Viertel vor sieben Sofageschichten am Telefon höre, hat übrigens eine längere Vorgeschichte. Seit 2018 arbeite ich als Hundetrainerin, anfangs neben einem ganz anderen Berufsleben. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Termin: Ich hatte mein Konzept mehrmals umgeschrieben, die Unterlagen lagen ordentlich sortiert bereit, und der Hund, um den es ging, sah mich zehn Sekunden lang an und legte sich dann demonstrativ auf meine Mappe. Er wusste offenbar besser als ich, dass Theorie an diesem Tag keine große Rolle spielen würde. Ich habe an diesem Nachmittag mehr gelernt als in manchem Seminar und ich bin dem Hund bis heute dankbar dafür.
Anrufe, die man sich nicht ausdenken kann
Manche Anrufe bleiben mir lange im Kopf, weil sie mich wirklich überraschen. Da war der Mann, der wissen wollte, ob man einem Hund abgewöhnen könne, bei Regen zu bellen. Bei Regen. Nur bei Regen. Er meinte das völlig ernst und ich musste mich beherrschen, nicht zu lachen. Es stellte sich heraus, dass sein Hund seit einem Gewitter im Welpenalter jedes Prasseln auf dem Dach mit Alarm beantwortete, und daraus entstand eine sehr ernsthafte Arbeit an einer echten Angst. Die Anfrage hörte sich lustig an, das Problem war es nicht.
Oder die Braut, die für ihre Hochzeit im Sommer plante, dass der Hund die Ringe zum Altar bringt. Das Ringkissen war schon bestellt, das Kleid passte, nur der Hund, ein temperamentvoller Beagle-Mischling, hatte offenbar nicht verstanden, dass es sich um einen feierlichen Anlass handelt. Wir haben drei Monate geübt. Am Tag der Hochzeit hat er die Ringe tatsächlich ans Ziel gebracht, wenn auch im Laufschritt und mit dem Ausdruck eines Hundes, der gerade eine Wurst erbeutet hat. Ich saß hinten und habe geweint, vor Rührung und ein bisschen vor Lachen.
Eine Katze, die sich für einen Hund hält
Und dann gibt es die Anfragen, die ich erst zweimal lesen muss. Eine Interessentin fragte per E-Mail, ob mein Training auch bei ihrer Katze funktioniere, die sich für einen Hund halte. Sie folge ihr überallhin, warte an der Tür und komme, wenn man sie ruft. Ich habe zurückgeschrieben, dass ich in diesem Fall nicht die richtige Ansprechpartnerin sei, dass ich aber jede Katze respektiere, die sich für einen Hund hält. Sie hat sich herzlich bedankt. Ich glaube, sie war die einzige Kundin, die mit meiner Absage rundum zufrieden war.
Hinter jedem Problem steht ein Mensch
Solche Geschichten lassen den Beruf leicht wirken, aber ich will ehrlich sein: Es gibt auch Tage, an denen ich nach Hause komme und die Tür lange nicht aufmachen möchte. Das liegt selten an den Hunden. Wer diesen Beruf ausübt, lernt schnell, dass hinter fast jedem Problem ein Mensch steht, der überfordert, verunsichert oder schlecht beraten ist. Ich habe früher lange in Bereichen gearbeitet, in denen ich täglich mit Gästen, Geschäftspartnern und schwierigen Situationen zu tun hatte, und ein Satz aus dieser Zeit begleitet mich bis heute: Der Mensch, der sich am lautesten beschwert, ist meistens der, der sich am wenigsten gehört fühlt. Das gilt für Hotelgäste und das gilt für Hundehalter.
Was in der Hundeszene schiefläuft
Das führt mich zu einem Thema, das ich in dieser Reihe immer wieder aufgreifen werde, weil es mir am Herzen liegt: die Szene. Wer einen Hund hat, trifft irgendwann auf Menschen mit festen Überzeugungen. Auf dem Hundeplatz, im Park, in Onlinegruppen. Man hört, der Hund müsse wissen, wer der Chef ist. Man bekommt ungefragt Ratschläge zu Leinenruck, Wasserflasche und „dem richtigen Ton“. Und wer widerspricht, erlebt nicht selten einen Sturm der Entrüstung. Ich habe erlebt, wie Halter verunsichert wurden, die im Grunde alles richtig machten, nur weil ein Tonfall in der Gruppe plötzlich schärfer wurde. Es ist eine seltsame Mischung aus Wissenschaft, Glaubensfragen und persönlicher Eitelkeit, und ich möchte in dieser Kolumne Licht in diese Ecke bringen, freundlich, aber deutlich.
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Aggression ist ein Symptom
Ein Wort noch zu den aggressiven Hunden, damit Sie mich richtig verstehen. Ich bekomme Anfragen zu Hunden, die gebissen haben, die Kinder anknurren oder sich an der Leine wie verwandelt aufführen, und ich nehme jede dieser Anfragen ernst. Aber wenn ich mit einem solchen Hund arbeite, sehe ich fast immer ein Tier in Not: Angst, Schmerz, Überforderung, Missverständnisse. Aggression ist kein Charakterzug, sondern ein Symptom. Das zu erklären, ohne die Gefahr kleinzureden, ist eine der schwierigsten und wichtigsten Aufgaben, die ich habe.
Wie es weitergeht
Sie sehen, es gibt viel zu erzählen, und ich freue mich darauf, es mit Ihnen zu teilen. Im nächsten Monat geht es um meinen schwierigsten Fall bisher. Um einen Hund, an dem ich fast verzweifelt wäre, und um das, was er mir beigebracht hat. Wenn Sie selbst eine Geschichte haben, sei es eine skurrile Frage, die Sie schon immer einmal stellen wollten, oder ein Hund, der Ihr Leben auf den Kopf gestellt hat, schreiben Sie mir. Vielleicht wird daraus eine der nächsten Folgen.
Bis dahin viel Freude mit Ihrem Hund, ob er nun auf dem Sofa liegt oder, wie in diesem Fall, in seinen Einzelteilen desselben.