6. August 2025, 10:54 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Ich hatte während meiner Alpenüberquerung mit vielem gerechnet: mit müden Beinen, nassen Socken, dramatischen Ausblicken und Hüttenwirten mit kernigem Charme. Womit ich nicht gerechnet hatte: dass ich stundenlang von einer Ziege verfolgt werde.
Und doch folgte mir dieses Tier auf einem Abstieg und durch ein ganzes Tal – bergab, bergauf, über Geröll und Wiesen. Ohne Leine, ohne Besitzer, ohne erkennbaren Grund. Drei Stunden lang. Andere Wanderer fragten uns schon, ob wir statt eines Hundes eine Ziege als Haustier hielten. Und am liebsten hätte ich sie tatsächlich behalten.
Es begann mit einem Meckern – und endete fast mit einem Ziegenparkplatz
Wir waren gerade auf dem Abstieg von einer hoch gelegenen Hütte, als uns Wanderer entgegenkamen. Sie erzählten uns, dass ihnen seit eineinhalb Stunden eine Ziege gefolgt sei. Ein helles Meckern erklang. Ich schaute – und da stand sie: eine junge, braune Ziege mit kurzen Hörnern und einer neugierigen Haltung. Sie schaute. Wir schauten. Dann kraulte ich sie am Hals und wir setzten uns wieder in Bewegung – und sie kam hinter uns her.
Zunächst dachten wir, sie würde nach ein paar Minuten umdrehen. Tat sie aber nicht. Stattdessen blieb sie stets ein paar Meter hinter uns, schritt mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit über Geröll und Grassoden, hielt an, wenn wir anhielten – und meckerte, wenn wir zu lange pausierten. Nach einer halben Stunde beschlossen wir, dass sie einen Namen haben sollte: Also nannte ich sie Heidi.
Woher kam Heidi?
Wir hatten eine Theorie: Beim Aufstieg am Tag zuvor waren wir durch eine große Ziegenherde gewandert, hoch oben in der Nähe einer Scharte – einer felsigen, wilden Passage. Möglicherweise war Heidi also von der anderen Seite des Gebirges gekommen – aus Neugier, Abenteuerlust oder weil sie ihre Herde verloren hatte.
Sie wirkte nicht verwirrt, sondern aufmerksam und wach. Aber eben allein. Wir beschlossen also, sie zur nächsten Alm mitzunehmen – für den Fall, dass sie sich wirklich verirrt hatte und die Leute auf der Alm ihren Besitzer kannten. Sicherheitshalber fotografierte ich ihre Ohrmarke – falls sie doch noch in irgendeiner Kurve abbiegen sollte.
Doch Heidi machte keine Anstalten, sich zu verabschieden, sondern ließ sich kraulen, mümmelte etwas Gras, das sie beim Laufen vom Wegesrand abriss, und lief einfach weiter hinter uns her. Zwischendurch juckte es sie zwischen den Hörnchen und ich kratzte sie ordentlich, was ihr scheinbar gut gefiel. Als es das nächste Mal juckte, nutzte sie einfach meinen Wanderstock, um sich zu kratzen. Spätestens jetzt hatte ich diese kleine Ziege, die immer ganz entrüstet leise meckerte, wenn wir stehenblieben, fest in mein Herz geschlossen.
Kühe vs. Ziege – und ich mittendrin
Nach dem Abstieg führte der Weg durch ein weites Tal – und plötzlich standen wir vor einer Kuhherde. Zwölf bis fünfzehn große, neugierig stierende Tiere, die offenbar sofort registrierten, dass da eine Fremde in ihrer Mitte war. Und sie machten klar: Heidi war nicht willkommen.
Sie bedrängten Heidi mit gesenkten Köpfen, während die kleine Ziege versuchte, über einen Fluss zu gelangen. Die Tiere bildeten einen engen Kreis um sie, kamen näher. Heidi blieb stehen. Ich auch. Der Moment war unangenehm still. Schließlich traute sich Heidi über die Steine und plötzlich waren wir beide umringt. Die Kühe kamen bedrohlich näher und mir wurde mulmig. Die Situation war mittlerweile wirklich gefährlich.
Also hielt ich mich an die Empfehlungen des Alpenvereins und machte mich groß, erhob die Wanderstöcke. „Komm, Heidi, wir gehen“, sagte ich und lief langsam, aber bestimmt los. Doch die Kühe folgten uns. Ich hielt die Stöcke weiterhin hoch und schritt kräftig aus, doch einige besonders hartnäckige Tiere blieben uns auf den Fersen.
Und da wurde ich wirklich laut: „Lasst sie verdammt nochmal in Ruhe!“, rief ich, fast knurrend. Und endlich ließen sich die Kühe zurückfallen. Ich weiß nicht, warum ich schrie. Es fühlte sich in dieser Situation richtig an, ist aber alles andere als empfehlenswert. Ich weiß nicht, ob die Kühe verstanden haben, was ich sagte – aber es funktionierte.
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Ein holpriges Wiedersehen auf der Alm
Nach der Begegnung mit der wilden Kuhherde ging es noch einmal etwa eine Stunde in Richtung der Alm, die wir ansteuerten. Heidi mochte nicht über die matschig-verschlammten Wege laufen, durch die die Kuhherde getrampelt war. Also suchte ich einen Weg, den wir beide gehen konnten: über die Wiese und Steine. Damit war die kleine Ziege scheinbar zufrieden.
Schließlich sichteten wir die Alm, und sobald wir hinter dem Zaun waren, machte Heidi plötzlich Böckchen, fast wie Luftsprünge. „Na, erkennst du das hier?“, fragte ich. Außer einem leisen Meckern, das alles hätte bedeuten können, erhielt ich keine Antwort.
Am Haupthaus angekommen, empfing uns die Wirtin der Hütte: „Ah, da bist du ja. Wir dachten schon, du wärst nicht mehr!“ Das Rätsel war also gelöst. Heidi gehörte zu einem hier lebenden Ziegenbauern und ihre Mama stand hinter dem Haus. Zögerlich ging sie mit, aber wirklich begeistert war sie von der Familienzusammenführung nicht.
Ich werde Heidi nie vergessen
Wir hatten uns schon verabschiedet, doch dann stand Heidi wieder hinter uns. Offensichtlich wäre sie lieber noch weiter mit uns gewandert. Zu diesem Zeitpunkt wünschte ich fast, unser nächstes Hotel hätte einen Ziegenparkplatz gehabt. Oder wir einen Garten, in dem sie hätte leben können.
Vielleicht war Heidi nur neugierig. Vielleicht war sie einfach nur unterwegs. Oder vielleicht wusste dieses Jungtier instinktiv, dass wir in die für sie richtige Richtung laufen würden, und hat bei mir aktiv nach Hilfe „gefragt“. Für mich bleibt sie mehr als eine tierische Anekdote. Sie war für drei Stunden eine echte Weggefährtin – still, bestimmt, anhänglich und komplett unabhängig. Ob sie wirklich Heidi hieß, habe ich nicht erfahren.