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Bindungsphänomen erklärt

Katzen genießen Kuscheln genauso wie Menschen – und es ist messbar

Eine Katze legt sich zum Schlafen auf ihren Halter
Katzen, die eine gute Bindung zum Halter haben, lieben es, ihnen nahe zu sein Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

26. September 2025, 11:57 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Katzen gelten als unabhängig – manchmal sogar als distanziert. Doch wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass zwischen Mensch und Katze beim Kuscheln eine tiefere Verbindung besteht, als viele vermuten. Der Schlüssel dazu liegt in einem Hormon, das auch Mütter mit ihren Babys verbindet: Oxytocin.

Das „Kuschelhormon“ stärkt auch die Mensch-Katze-Beziehung

Oxytocin, oft als „Kuschelhormon“ bezeichnet, spielt eine zentrale Rolle in zwischenmenschlichen Beziehungen. Es wird etwa bei Umarmungen oder beim Wiegen eines Kindes ausgeschüttet und fördert Vertrauen sowie emotionale Nähe. Dass dieses Hormon auch beim Kuscheln mit Katzen eine wichtige Rolle spielt, belegen einige Studien.

Was Oxytocin bei Mensch und Tier bewirkt

Oxytocin hilft, soziale Bindungen zu festigen, Stress zu reduzieren und Vertrauen aufzubauen. Bereits eine Studie aus dem Jahr 2005 zeigte, dass Menschen unter dem Einfluss von Oxytocin in ökonomischen Entscheidungsspielen deutlich mehr Vertrauen in andere zeigten. 1

Zudem dämpft das Hormon den Spiegel des Stresshormons Cortisol und aktiviert das parasympathische Nervensystem – also den „Ruhen-und-Verdauen“-Modus – was zu körperlicher Entspannung führt.

Während der Effekt bei Hunden schon länger bekannt ist, erregt das Zusammenspiel von Oxytocin und Katzen erst in jüngerer Zeit Interesse in der Wissenschaft. Dabei zeigt sich: Auch Katzen können diesen biochemischen Kreislauf der Nähe auslösen.

Oxytocin-Ausschüttung beim Streicheln und Schnurren

Obwohl Katzen ihre Zuneigung subtiler zeigen als Hunde, berichten viele Katzenhalter von ähnlichen Gefühlen von Geborgenheit und Stressreduktion. Eine japanische Studie aus dem Jahr 2021 belegte, dass kurze Streicheleinheiten mit der Katze bei vielen Halterinnen zu einem Anstieg des Oxytocinspiegels führten.

Ein Forscherteam der Tokyo University of Agriculture unter der Leitung von Takumi Nagasawa untersuchte, wie alltägliche Interaktionen mit Hauskatzen die körperliche und psychische Verfassung ihrer Halter beeinflussen. Hier wurde erstmals umfassend der Einfluss von Katzenkontakt auf Herzfrequenz, Hormonspiegel und emotionale Zustände analysiert.

In der Studie nahmen 32 Katzenhalterinnen und -halter (26 Frauen, 6 Männer, Durchschnittsalter 39,3 Jahre) aus Japan teil. Jeder führte zu Hause zwei Testdurchgänge durch: einen mit gewohnter Katzeninteraktion (10 Minuten lang) und einen weiteren in ruhiger Anwesenheit ohne aktive Interaktion (ebenfalls 10 Minuten). Die Reihenfolge war zufällig.

Gemessen wurden emotionale Zustände (mittels standardisierter Skala), Speichelproben zur Bestimmung von Oxytocin- und Cortisolspiegeln sowie Herzfrequenzvariabilität über Brustgurte. Das Ergebnis: Die Oxytocinwerte stiegen im Vergleich zu einer ruhigen Ruhephase ohne Berührung der Katze deutlich an.

Produzieren Katzen bei uns „guten“ Stress?

Die Forscher beobachteten auch, dass die Herzfrequenz beim Kuscheln mit der Katze signifikant anstieg (von durchschnittlich 73,5 auf 79,2 Schläge pro Minute), während die parasympathische Aktivität – zuständig für Ruhe und Entspannung – abnahm. Das bedeutet: Statt Entspannung trat ein Zustand erhöhter Wachsamkeit oder Aufregung ein.

Interessant ist auch die hormonelle Reaktion: Zwar stieg der Oxytocinspiegel nach dem Katzenkontakt im Durchschnitt leicht, allerdings nicht signifikant. Dagegen korrelierte der Anstieg von Cortisol (Stresshormon) positiv mit Herzfrequenz und ebenfalls mit Oxytocin. Diese Kopplung deutet auf ein komplexes physiologisches Zusammenspiel hin.

Emotionale Veränderungen zeigten sich ebenfalls: Der sogenannte Arousal-Wert (Erregungsniveau) sank signifikant, obwohl der Körper physiologisch aktiviert war. Offenbar bewerteten die Halter die Interaktion subjektiv als beruhigend, obwohl der Körper das Gegenteil signalisierte – ein spannender Widerspruch. 2

Gemeinsames Kuscheln lässt Oxytocin steigen – aber nur mit Einverständnis der Katze

Auch das Schnurren selbst trägt zur Hormonfreisetzung bei. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2002 zeigte, dass sanfter Körperkontakt mit einer Katze den Cortisolspiegel senkt und zugleich Oxytocin freisetzt – was wiederum Blutdruck und Schmerzempfinden reduzieren kann.

Eine Studie vom September 2025 liefert weitere Einblicke, wann genau Oxytocin bei Mensch und Katze ausgeschüttet wird. Dabei zeigte sich: Vor allem entspannte Streicheleinheiten, bei denen die Katze die Nähe sucht, lassen den Hormonspiegel auf beiden Seiten steigen, ähnlich wie auch die Studie aus Japan es schon belegte.

Wissenschaftler der South China Agricultural University haben untersucht, wie sich unterschiedliche Bindungsstile von Hauskatzen auf ihr Verhalten gegenüber dem Besitzer sowie auf die Ausschüttung des Hormons Oxytocin auswirken. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Applied Animal Behaviour Science“ veröffentlicht.

Mit dabei waren 30 Katzen mit unterschiedlicher Bindung zu ihren Haltern, die anhand eines etablierten Tests bewertet. Die Forscher fanden heraus, dass sicher gebundene Katzen im Kontakt mit ihren Besitzern mehr Oxytocin ausschütten – und sich insgesamt sozialer und problemloser verhalten als unsicher gebundene Tiere.

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Auf die Bindung kommt es an

Die Bindung wurde mithilfe des „Secure Base Test“ (SBT) bestimmt – ein Verfahren, das ursprünglich für Kleinkinder zum Einsatz kam. Dabei beobachtet man, wie sich Katzen in einer fremden Umgebung gegenüber dem Besitzer verhalten. Die Tiere wurden in drei Gruppen eingeteilt: sicher gebunden (elf Katzen), unsicher-ängstlich (elf Katzen) und unsicher-vermeidend (acht Katzen). Die Interaktionen zwischen Katze und Besitzer fanden in der häuslichen Umgebung statt. Zusätzlich wurden Speichelproben vorher und nachher entnommen, um den Oxytocinspiegel zu messen. Die Besitzer füllten zudem einen detaillierten Fragebogen zum Verhalten ihrer Katzen aus.

Die Ergebnisse zeigen klare Unterschiede in Verhalten und in der Hormonreaktion je nach Bindungsstil. Katzen mit sicherer Bindung zeigten nach dem Kuscheln mit dem Besitzer einen signifikanten Anstieg des Oxytocinspiegels (P = 0,03), während dieser bei ängstlich gebundenen Katzen tendenziell sank (P = 0,08). Zudem war der Grundwert des Oxytocins im Speichel bei ängstlich gebundenen Katzen höher als bei sicher gebundenen Tieren (P = 0,03), was möglicherweise die schwächere hormonelle Reaktion erklärt.

Sicher gebundene Katzen suchten häufiger aktiv den Kontakt, zeigten mehr Näheverhalten (wie das sogenannte „approach-hovering“) und weniger Rückzugsversuche. Gleichzeitig griffen ihre Besitzer seltener zu „erzwungenem“ Körperkontakt – also Kontakten, die den Tieren sichtlich nicht recht waren und die sie eher abblockten.

Statistisch signifikant war auch der Zusammenhang zwischen Näheverhalten und Oxytocinerhöhung (P < 0,01) sowie zwischen Näheverhalten und dem Ausgangsniveau des Hormons (P = 0,01). Zudem berichteten Besitzer sicher gebundener Katzen von deutlich weniger Verhaltensproblemen und niedrigeren Angstwerten (P < 0,01). 3

Der Schlüssel zur guten Bindung? Die Sprache der Katze verstehen

Die Studien zeigen: Wenn die Bedürfnisse und Grenzen einer Katze respektiert werden, kann Oxytocin die Bindung stärken. Wird das Tier jedoch zu Nähe gezwungen, bleibt die hormonelle Reaktion aus oder kippt sogar ins Gegenteil. Daher ist es weiterhin besonders wichtig für eine gute Bindung, die Sprache der Katze zu verstehen, sprich: Ihre körperlichen Signale lesen zu können.

Denn im Gegensatz zu Hunden, die mit direktem Blickkontakt, wedelndem Schwanz und ständiger Nähe kommunizieren, setzen Katzen auf subtilere Signale. Besonders bekannt ist der sogenannte „Slow Blink“ – ein langsames Blinzeln, das als Zeichen von Vertrauen gilt. Auch das Schnurren, Köpfchen geben oder ein aufgereckter Schwanz haben wichtige Funktionen. Sie zeigen, wie sich das Tier gerade fühlt, und insbesondere das Schnurren wirkt nicht nur beruhigend auf die Katze selbst, sondern auch auf den Menschen, indem es Herzfrequenz und Blutdruck senkt – wieder vermittelt durch Oxytocin.

Diese regelmäßigen, kleinen Momente der Nähe können über längere Zeit eine spürbare Wirkung entfalten. Sie stärken die emotionale Verbindung und bieten psychischen Halt – oft vergleichbar mit menschlicher Zuwendung. Das kann auch bei Angstzuständen oder depressiven Verstimmungen helfen. Vertrauen muss bei Katzen erarbeitet werden. Doch wenn sie es schenken, ist es durch dasselbe Hormon gestützt, das auch menschliche Beziehungen prägt.

Quellen

  1. Kosfeld, M., Heinrichs, M., Zak, P. et al. Oxytocin increases trust in humans. Nature 435, 673–676 (2005). ↩︎
  2. Nagasawa, T., Kimura, Y., Masuda, K., Uchiyama, H. (2023). Effects of Interactions with Cats in Domestic Environment on the Psychological and Physiological State of Their Owners: Associations among Cortisol, Oxytocin, Heart Rate Variability, and Emotions. Animals, 13(13), 2116. ↩︎
  3. Chang, H., Zhang, J., Huang, H., Aviles-Rosa, E. O., Huang, H., Guo, Y., ... & Zhang, L. (2025). The effects of owner-cat interaction on oxytocin secretion in pet cats with different attachment styles. Applied Animal Behaviour Science, 283, 106524. ↩︎

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