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Ökologe behauptet

Sind Katzen „Parasiten unserer Gesellschaft“? Biologin ordnet ein

Kätzchen wird am Kopf gestreichelt
Katzen gehören zu den beliebtesten Haustieren weltweit, haben ökonomisch gesehen aber keinen „Nutzen“ – aber sind sie deshalb gleich „Parasiten“? Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

23. März 2026, 17:12 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Wie würden Sie die Beziehung zu Ihrer Katze beschreiben? Wahrscheinlich so wie jeder Katzenbesitzer: „Die Tiere geben so viel zurück – zumindest emotional“. Doch ökologisch betrachtet handelt es sich immer mehr um ein Wirt-Parasit-Verhältnis – zumindest nach der These des Ökologen Rob Dunn, der in seinem Buch „The Call of the Honeyguide“ die Beziehung zwischen Menschen und Tieren betrachtet. Aber ist diese Behauptung auch biologisch haltbar? PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider hat sich Dunns Argumente mal genauer angesehen.

Zusammenleben mit Katzen hat sich im Laufe der Zeit erändert

Viele Menschen leben mit Tieren zusammen – das war auch schon vor zehntausend Jahren so. Meist ergab sich das Zusammenleben aus einer sogenannten „Win-win-Situation“ – beide Partner profitierten davon. Der Hund half bei der Jagd und bewachte die Umgebung, Katzen erlegten Mäuse und Ratten und schützten so indirekt die Nahrungsvorräte. Diese Art von Zusammenleben findet man mehrfach im Tierreich. Wenn Individuen zweier verschiedener Arten im gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten, sprechen Biologen von Mutualismus.

Genau diese Beziehungen hat sich Rob Dunn, Professor für angewandte Ökologie an der North Carolina State University, angeschaut und in seinem Buch „The Call of the Honeyguide: What Science Tells Us About How to Live Well With the Rest of Life” analysiert, denn im Laufe der Zeit haben sich unsere Beziehungen zu einigen Tieren stark verändert. Vor allem eine Tierart fällt seines Erachtens nicht mehr in den klassischen Mutualismus: die Katze.

Katzen als „Parasiten menschlicher Gesellschaften“?

Als Menschen sesshaft wurden und Vorräte anlegten, zog das Mäuse und Ratten an – und damit auch Wildkatzen. Diese jagten die Schädlinge und verschafften sich so Nahrung, während die Menschen von geschützten Vorräten und einem geringeren Krankheitsrisiko profitierten. In dieser frühen Phase war das Verhältnis klar gegenseitig nützlich.

Im Laufe der Zeit hat sich diese Beziehung jedoch stark verändert. Heute verehrt man Katzen nicht mehr wie Götter, doch sind sie auch nicht mehr unsere Mutualisten. Oberflächlich betrachtet scheinen sie daher, zumindest aus darwinistischer Sicht, Parasiten menschlicher Gesellschaften zu sein. Sie profitierten von uns auf Kosten der Lebensmittel, die wir ihnen zur Verfügung stellen.

Was ist ein Parasit eigentlich?

Eine provokante These. Doch was sagt die Biologie dazu? Kann man Katzen wirklich in diesem engen, naturwissenschaftlichen Sinne als „parasitenähnlich“ beschreiben? Dazu müssen wir uns die analytische Einordnung von Kosten und Nutzen zwischen zwei Arten einmal näher anschauen.

Laut Definition ist Parasitismus eine Wechselbeziehung zwischen artfremden Organismen, bei der der Parasit einen Vorteil hat und dem Wirt dadurch schadet. Ein bekanntes Beispiel sind Bandwürmer: Als Wirt liefern wir Nahrung und Lebensraum, der Wurm kann unserem Darm jedoch schaden und entzieht uns wichtige Nährstoffe. 1

Symbiose und Probiose

Im Gegensatz dazu steht die sogenannte Symbiose, bei der beide Partner einen Vorteil haben, etwa beim Clownfisch und der Seeanemone: Die Fische erhalten Schutz und eine Bleibe und versorgen die Anemone dafür aktiv mit Futter. 2

Dann gibt es noch eine dritte Kategorie, die sich „Probiose“ nennt. Dabei profitiert nur einer der Partner, der andere hat aber weder Vorteil noch Schaden. Das ist etwa der Fall, wenn sich Milben zum Transport an Käfer heften.

Aber kommen wir zurück zu den Katzen: Handelt es sich hierbei wirklich um „Parasiten der Gesellschaft“?

Entscheidender Faktor spricht gegen die These

Auf der einen Seite ist ganz klar: Katzen profitieren sehr vom Zusammenleben mit uns. Wir versorgen sie mit Futter, einem Revier und kümmern uns sogar um ihre Gesundheit. Aber was erhalten wir im Gegenzug? Katzenbesitzer würden sofort antworten: Eine ganze Menge! Liebe, Aufmerksamkeit, Trost, körperliche Nähe und soziale Interaktion. Alles Faktoren, die sich nicht wirklich in einer Kosten-Nutzen-Analyse mit Zahlen belegen oder messen lassen, die aber eine fast noch größere Bedeutung zu haben scheinen als ein ökologischer Nutzen. Schließlich gehören Katzen mittlerweile weltweit zu den beliebtesten Haustieren.

Es gibt meines Erachtens aber noch einen entscheidenden Faktor, der für mich klar gegen die These „Katzen sind zu Parasiten der Gesellschaft geworden“ spricht: der fehlende Schaden am Wirt. Dunn argumentiert hier mit den finanziellen Schäden, die durch die enormen Kosten für Futter und Gesundheitsversorgung durch die Haustiere entstehen. Aber diese leisten Katzenbesitzer ja freiwillig. Wir fassen eine bewusste Entscheidung zur Anschaffung des Tieres. Die Katze läuft ja nicht plötzlich ins Haus, beschließt: „Ich lebe jetzt hier“ und bestellt per Onlineshopping Futter, Leckerli und Kratzbaum.

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Beziehung zwischen Menschen und Katze ist komplexer geworden

Es ist aber nicht so, dass Dunn das nicht erkannt hätte. Die eigentliche Pointe seines Arguments ist weniger eine Abwertung der Katze als vielmehr eine Kritik an unserem engen Verständnis von „Nutzen“. Denn auch wenn Katzen heute kaum noch zur Schädlingskontrolle beitragen, erfüllen sie andere, schwer messbare Funktionen: Sie bieten Gesellschaft, können das Wohlbefinden steigern und prägen den Alltag vieler Menschen.

Die Beziehung zwischen Mensch und Katze lässt sich daher nicht mehr eindeutig in klassische biologische Kategorien einordnen – sie ist komplexer geworden als ein simples Kosten-Nutzen-Modell. Wobei die meisten Katzenhalter ihre Beziehung zu ihrem Tier wahrscheinlich klar als eine Symbiose beschreiben würden – und hier wird es meines Erachtens spannend.

Könnten Sie noch ohne Ihre Katze leben?

Denn will man den besonderen Vorteil einer Symbiose hervorheben, unterteilt man sie in der Biologie oft nicht nur nach der Art des Nutzens, sondern auch nach dem Grad der Abhängigkeit. Denn im Laufe der Evolution kann aus einem lockeren Zusammenschluss jedoch ein so enges Verhältnis werden, dass sich die Arten zum Überleben brauchen. Die Frage, die sich hier stellt: Wo stehen wir mit unseren Katzen? Können wir noch ohne sie leben? Diese Frage muss wohl jeder Katzenhalter für sich beantworten.

Quellen

  1. spektrum.de, „Lexikon der Biologie:Parasitismus“ (aufgerufen am 23.03.2026) ↩︎
  2. spektrum.de, „Symbiose“ (aufgerufen am 23.03.2026) ↩︎

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