12. August 2025, 13:50 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Ein einfacher Test, der angeblich die Intelligenz von Katzen zeigt, geht derzeit in sozialen Medien viral: Katzenhalter bilden mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis vor einem Leckerli in ihrer Hand – und filmen, wie lange es dauert, bis die Katze herausfindet, wie sie an die Belohnung kommt. Je schneller die Katze reagiert, desto „klüger“ soll sie sein. PETBOOK-Redakteurin und Haustierexpertin Louisa Stoeffler macht den Test mit Redaktionskater Remo und erklärt, warum der Katzen-IQ-Test nichts taugt.
So funktioniert der virale Katzen-IQ-Test
Der Aufbau des Tests ist simpel und in unzähligen Instagram-Videos und TikToks zu sehen:
- Die Hand des Menschen liegt offen da, ein Leckerli ruht in der Mitte.
- Mit Daumen und Zeigefinger wird vor dem Leckerli ein Kreis geformt – wie ein kleines „Loch“, durch das die Katze das Leckerli sehen, aber vor allem riechen kann.
- Nun wird beobachtet (und gefilmt!), wie die Katze reagiert. Manche schnuppern und versuchen, ihre Nase durch das „Loch“ zu stecken, angeln mit der Pfote. Andere starren es minutenlang an oder versuchen, durch „Köpfchengeben“ an das Ziel zu gelangen. Irgendwann enden die Videos damit, dass die Katze ihren Kopf nach oben streckt und das Leckerli von der offenen Handfläche nimmt, die sie die ganze Zeit schon hätte erreichen können.
- Je nachdem, wie lange es dauert, bis die Katze an das Leckerli gelangt, soll dies Aussagekraft darüber haben, wie intelligent das Tier ist.
Die Kommentare unter den Videos überschlagen sich dann schnell mit Begriffen wie „so dumm“. Häufig finden sich auch die Aussagen: „Kein Hirn, nur Floof“ oder „IQ-Test nicht bestanden“. Besonders häufig geht es um eine bestimmte Fellfarbe, der eigene Charaktereigenschaften zugeschrieben werden: „Eine orange Katze hätte in die Hand gebissen“.
Andere versuchen jedoch auch, das Verhalten zu erklären: „Für diejenigen, die denken, dass diese Katze dumm ist: Die Katze erkennt Nahrung anhand ihres Geruchs und nicht anhand ihres Aussehens. Denn sie möchte sichergehen, dass es sich um Nahrung und nicht um Gift handelt“, heißt es unter einem TikTok. Dieser Erklärungsversuch geht schon in die richtige Richtung, allerdings gibt noch mehr, was hier vor sich geht.
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Warum dieser „Katzen-IQ-Test“ nichts mit Intelligenz zu tun hat
Als Haustierexpertin kann ich sagen: Der Test sagt wenig bis gar nichts über die kognitive Leistungsfähigkeit einer Katze aus – dafür aber umso mehr über unser Missverständnis von Katzendenken und -wahrnehmung.
Ungewohnte Situation
Der Test setzt auf einen für die Katzen untypischen Aufbau. Im Alltag gibt es für sie kaum Situationen, in denen eine Hand sie nicht streichelt – oder ihnen das Leckerli nicht einfach gibt. Sie wissen schlicht nicht, was das soll. Das ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz, sondern zeigt nur, dass sie mit der Situation nichts anfangen können und versuchen, sie instinktiv zu lösen.
Anderer Sinn im Einsatz
Worauf unter anderem der Kommentar auf TikTok anspielt, stimmt zum Teil: Auf kurze Distanz verlassen sich weniger auf ihre Augen als auf ihren Geruchssinn. Für sie ist das Leckerli nicht klar zu sehen, außerdem verwirrt sie der Geruch der Hand in Kombination mit Futter. Daher stecken viele Katzen zunächst ihre Nase durch die Finger, um den Geruch zu orten.
Und oft versuchen sie dann, mit der Pfote durch das Loch zu angeln, genau dort, wo sie den schmackhaften Geruch verortet haben. Das ist eine Strategie, die Katzen in der Natur hilft, bei Dunkelheit Mäuse und andere Beutetiere zu lokalisieren und zuzuschlagen. Im schlimmsten Fall, bei Tieren, die sehr futtermotiviert sind, kann es bei diesem viralen IQ-Test also auch dazu kommen, dass die Halter eine Kralle in der Handfläche haben. Deshalb sollte man ihn auch besser nicht nachmachen, wenn die eigene Katze keine gute Impulskontrolle hat.
Fehlinterpretation durch den Menschen
Doch der wichtigste Grund, aus dem ich denke, dass dieser vermeintliche Katzen-IQ-Test keinen Wert besitzt, ist dieser: Die Katze wird für Clicks und Likes nach menschlichen Maßstäben als dumm hingestellt, ohne sie wirklich zu verstehen.
Dass der Test „intelligentes Verhalten“ vorgibt, ist vor allem Projektion – und dient letztlich nur dem Zweck, Reichweite zu generieren. Für das Publikum ist klar, wie einfach es sein müsste, an das Leckerli zu kommen – und genau deshalb wirkt es so witzig, wenn die Katze scheinbar „versagt“. Was für uns offensichtlich erscheint, entspricht nicht der natürlichen Problemlösestrategie einer Katze.
Selbstversuch mit Redaktionskater Remo
Natürlich konnte ich es mir nicht nehmen lassen, den Trend auch mit meinem Kater auszuprobieren. Nicht, weil ich nun Petfluencerin werden möchte, sondern aus Interesse daran, wie mein Tier darauf reagieren würde. Also: Hand auf, Leckerli in die Mitte, Fingerkreis gebildet – Kamera läuft.
Remos Reaktion? Er zeigte ein Verhalten, das ich in diesen Videos bislang nicht so häufig gesehen hatte: Er setzte binnen einer Sekunde seine Pfoten ein, scheinbar, um meine Hand zu bewegen und zu schauen, was ich da mache. Er versuchte, sie nach unten zu drücken, um direkt an das Leckerli zu gelangen. Vielleicht liegt das auch daran, dass er für einen anderen Selbstversuch gelernt hat, mir „Pfötchen“ zu geben? Alles über dieses Experiment können Sie in diesem Artikel nachlesen: Können Katzen auch links- oder rechtshändig sein? Studien zeigen es.
Doch für den Aufbau des Versuchs ließ ich natürlich nicht locker, sondern hielt die Hand weiter hoch. Dann schnüffelte Remo an der Öffnung und versuchte es mit der Pfote. Und noch etwas tat er, das ich auch kaum in diesen Videos gesehen habe: Er rieb sich an meiner Hand und schnurrte. Dann ließ er sich ablenken. Auch dies habe ich in den Videos schon ein paar Mal gesehen. Dies wird meist humorvoll kommentiert mit: „Eine Hirnzelle, null Anstrengung“ oder „Bro hat es nicht mal versucht“. Allerdings geht es hier auch nicht um ein „Einsehen der eigenen Dummheit“, dass die Katze das Rätsel nicht lösen kann. Sondern eher um die natürlicherweise eher kurze Aufmerksamkeitsspanne von Katzen.
Auch Remo musste ich mit kurzem Zungenschnalzen immer wieder motivieren, das Experiment nicht abzubrechen, da wir ja wissen wollten, wann der Redaktionskater das Leckerli schnappt. Schließlich hat er sich nach ziemlich genau einer Minute über meine Hand gebeugt und das Leckerli aufgenommen. Was sagt das jetzt über seine (soziale) Intelligenz? Genau, dass er normalerweise sein Leckerli direkt bekommt oder gestreichelt wird und gute Nasenarbeit geleistet hat. Also praktisch nichts – außer vielleicht, dass er sich von viralen Trends nicht beeindrucken lässt. Obwohl er eine futtermotivierte orange Katze ist. Und das ist eigentlich ziemlich schlau.
Zur Autorin
Louisa Stoeffler hält seit 2003 Katzen und arbeitet seit 2016 freiberuflich als Katzensitterin. Sie kennt die feinen Nuancen im Verhalten der Tiere aus der Praxis. Außerdem probiert sie gern virale Tricks mit ihrem Kater Remo aus. Neben der Pflege berät sie Halter auch in allen „felligen“ Fragen zu Katzenverhalten. Als Fachredakteurin schreibt sie seit 2022 bei PETBOOK fundierte Artikel über Katzenhaltung, Wildtiere, tierschutzrelevante Gesetzgebung und naturkundliche Studien.