2. Dezember 2025, 17:09 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Katzen erkennen ihre Artgenossen am Geruch wieder. Aber können sie sich auch daran erinnern, wenn die Mitkatze schon lange Zeit verstorben ist? Das lässt zumindest ein Video auf Instagram vermuten, in dem eine Katze an dem Fell ihrer seit über einem Jahr verstorbenen Schwester riecht. PETBOOK-Redakteurin Saskia Schneider kennt sich mit Katzenverhalten aus und erklärt, was hinter der erstaunlichen Reaktion des Tieres steckt.
„Sie hat die ganze Zeit geschnurrt“ – nur dieser eine Satz steht unter dem Video des Kanals „sunkissedk_“, in dem die zukünftige tiermedizinische Fachangestellte Kiesha Ann zeigt, wie sie ihre Katze an Fellresten ihrer verstorbenen Schwester Zoey riechen lässt. Das Tier reagiert nicht etwa mit Trauer oder Verwirrung – sie berührt das kleine Gläschen, in dem das Fell steckt, verspielt mit der Pfote, reibt ihre Wangen daran und rollt sich auf den Rücken. Alles klare Anzeichen von Wohlfühlverhalten. Aber riecht das Fell für die Katze einfach nur gut oder erinnert sie sich sogar an ihre verstorbene Schwester?
„Bist das du, Freund?“
Mittlerweile hat das Video knapp eine Million Aufrufe. Manche finden die Situation so rührend, dass sie schreiben, sie seien in Tränen ausgebrochen. Viele sind sich sicher: Die Katze erkennt ihre Schwester am Geruch: „Die Erinnerungen der Tiere liegt im Duft. So erkennen sie dich Jahre später noch, auch wenn sie blind werden“, schreibt ein Nutzer und ein anderer kommentiert: „Hey … bist das … bist das du, Freund? Warum bist du in diesem winzigen Glas? Komisch! Du mochtest schon immer enge Orte … Ich habe dich vermisst.“
Können Katzen verstorbene Artgenossen am Geruch erkennen?
In dem Video erwecken die Reaktionen der Katze den Eindruck, sie würde sich an ihre verstorbene Artgenossin erinnern. Vielleicht daran, wie sie zusammen gespielt haben. Doch sind Katzen dazu in der Lage? Bisher gibt es nur wenige Studien auf diesem Gebiet. Was bisher erforscht und sicher ist: Katzen können Artgenossen und auch ihre Menschen anhand ihres Geruchs identifizieren. Das zeigte 2025 eine Studie, in der japanische Forscher herausfanden, dass Katzen mit dem Beschnüffeln der Geruchsprobe ihrer Menschen sehr viel mehr Zeit verbringen. Die Forscher werten das als ein Zeichen dafür, dass der Geruch für die Tiere einen höheren Stellenwert hat und von den anderen klar unterschieden wird.1
Das passt zu der Reaktion der Katze in dem Video, die sehr lange an dem Behälter mit den Haaren interessiert ist und sich an ihm reibt. Damit drücken Katzen nicht nur Wohlgefühl aus – sie möchten damit auch eine Art Gruppengeruch herstellen, der signalisiert: Du gehörst zu mir.
Trauern Hunde beim Tod von Artgenossen?
Auch Tiere trauern um ihre Artgenossen
Erinnern sich Katzen an den Geruch von Artgenossen?
Aber reagiert die Katze nur so, weil sie findet, dass das Fell gut riecht, oder realisiert sie, dass es sich um ihre bereits verstorbene Schwester handelt, und „erinnert“ sich an diese? Das zu beantworten, ist nicht pauschal möglich. Theoretisch können sich Katzen lange an die Gerüche von Artgenossen erinnern. So zeigt eine Untersuchung aus 2022, dass Kitten im Erwachsenenalter eher auf den Geruch der Mutter reagieren als auf Geruchsproben fremder Katzen – ein Zeichen, dass dieser Geruch für sie eine Bedeutung hatte und im Gedächtnis gespeichert ist.2
Ob sich die Katzen dabei aber tatsächlich an ihre Mutter erinnern oder der Geruch einfach nur ein Gefühl des Wohlbehagens auslöst, lässt sich nicht sicher sagen und kann auch nur schwer überprüft werden. Schließlich können uns Katzen (noch) nicht erzählen, woran sie gerade denken. Daher bleibt auch die Frage offen, ob sich die Katze im Video wirklich an ihre verstorbene Schwester erinnert oder der Geruch bei ihr Erinnerungen an Wohlgefühl auslöst.
Katzen trauern – aber anders als wir
Viele Nutzer warfen Kiesha Ann in den Kommentaren vor, dass die Katze durch den Geruch in Trauer verfallen oder verwirrt sein könnte. Dazu äußerte sich Ann mit der Bitte, davon abzusehen, ihr zu sagen oder zu schreiben, dass das grausam oder traumatisch sei. „Sie hatte eine süße, liebevolle Reaktion und schien darin Trost zu finden. Nicht alles muss so negativ sein!“
Diese Einschätzung ist aus verhaltensanalytischer Sicht richtig. Zwar sind Katzen in der Lage, den Tod von Artgenossen zu betrauern, doch tun sie dies auf eine andere Weise als wir Menschen. Während bei uns Fotos oder Gerüche Erinnerungen und das Gefühl, dass etwas fehlt, auslösen, was tiefe Trauer reaktivieren kann, scheint das bei Katzen nicht der Fall zu sein. Sie leben eher im Hier und Jetzt. Zwar verbinden sie Gerüche auch mit Personen oder Artgenossen – aber offensichtlich auch mit Gefühlen. In dem Fall: das Gefühl der Geborgenheit und Zugehörigkeit. Oder wie es ein Kommentator passend beschreibt: „Für diesen Moment spürte sie sie wieder nah bei sich.“