20. Mai 2026, 12:58 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Katzen können minutenlang schnurren und das recht laut. Da fragt man sich als Mensch: wird das nicht anstrengend? Doch die Tiere wirken dabei meist entspannt und genau das hat Forscher lange vor ein Rätsel gestellt. Denn jahrzehntelang ging man davon aus, dass Katzen dafür aktiv ihre Kehlkopfmuskeln anspannen müssen. Neue Forschung zeigt heute jedoch ein anderes Bild. Was wirklich beim Schnurren im Körper der Katze passiert, erklärt PETBOOK-Redakteurin und Katzenexpertin Saskia Schneider.
So laut wie ein Wasserkocher
Es gibt kaum ein Geräusch, das Katzenhalter so sehr lieben wie dieses tiefe, vibrierende Schnurren direkt neben dem Ohr. Unsere Katze Kila schnurrte immer so intensiv, dass wir den Fernseher lauter stellen mussten. Wir nannten sie liebevoll „unsere Kaffeemaschine“. Der Kosename ist gar nicht soweit hergeholt. Immerhin können Katzen beim Schnurren Lautstärken von bis zu 54 Dezibel erreichen – das ist so laut wie ein Wasserkocher (PETBOOK berichtete).
Gestört hat uns das laute Schnurren aber nie. Wie fast alle Katzenhalter empfindet man bei diesem Geräusch sofort ein Gefühl der Gemütlichkeit und Zufriedenheit. Pure Entspannung stellt sich ein. Aber was passiert dabei eigentlich im Körper der Tiere? Und ist dieses dauerhafte Schnurren für Katzen nicht irgendwann anstrengend?
Müssen Katzen aktiv schnurren?
Jahrzehntelang gingen Wissenschaftler davon aus, dass Katzen aktiv Muskelarbeit leisten müssen, um zu schnurren. Die Theorie lautete: Kleine Muskeln im Kehlkopf ziehen sich etwa 20- bis 30-mal pro Sekunde rhythmisch zusammen und erzeugen so das typische Geräusch. Im Prinzip wie ein winziger Motor, der ständig an- und ausgeschaltet wird.
Das hätte allerdings bedeutet, dass schnurrende Katzen die ganze Zeit aktiv arbeiten müssen. Und genau das wirkte irgendwie seltsam. Schließlich schnurren Katzen oft in den entspanntesten Momenten ihres Lebens: eingerollt auf dem Sofa, halb schlafend auf dem Schoß oder gemütlich in der Sonne liegend.
Schnurren entsteht auch ohne Muskelaktivität
2023 stellten Forscher der Universität Wien diese alte Theorie deshalb erneut auf die Probe – mit einem ungewöhnlichen Experiment. Sie untersuchten die Kehlköpfe verstorbener Hauskatzen. Also ohne Gehirnaktivität, ohne Nervenimpulse und ohne Muskelbewegungen. Die Ergebnisse der Studie wurden damals im Fachmagazin „Current Biology“ veröffentlicht (PETBOOK berichtete).
Und trotzdem passierte etwas Erstaunliches: Die Kehlköpfe konnten weiterhin schnurrähnliche Geräusche erzeugen. Ganz ohne aktive Muskelarbeit.
Die Forscher entdeckten dabei kleine weiche Bindegewebspolster in den Stimmlippen der Katzen. Diese wirken offenbar wie eingebaute Schwingungskissen. Strömt Luft daran vorbei, geraten die Stimmlippen fast von selbst in Bewegung – ähnlich wie eine Gitarrensaite, die nach dem Anschlagen weiterschwingt.
Das bedeutet: Die Katze muss wahrscheinlich gar nicht jede einzelne Schnurrbewegung aktiv erzeugen. Der Luftstrom der normalen Atmung übernimmt einen Großteil der Arbeit.
Schnurren kostet kaum Energie
Genau deshalb können Katzen oft minutenlang schnurren, ohne erschöpft zu wirken. Das Schnurren scheint eher ein natürlicher Resonanzzustand zu sein als echte Muskelarbeit.
Ganz ohne Energie funktioniert es natürlich trotzdem nicht. Die Katze atmet weiterhin, und der Kehlkopf muss fein eingestellt werden. Aber nach aktuellem Forschungsstand kostet das Schnurren vermutlich nur sehr wenig zusätzliche Kraft.
Hinzu kommt, dass die beteiligten Kehlkopfmuskeln speziell auf Ausdauer ausgelegt sind. Selbst wenn sie also am Schnurren beteiligt sind, sind sie genau für solche feinen, gleichmäßigen Bewegungen gemacht.
Wie schnurren Katzen eigentlich?
Welche Funktion das Schnurren bei Katzen erfüllt
Schnurren wirkt beruhigend – auf Katzen und Menschen
Besonders faszinierend ist dabei, dass Katzen nicht nur schnurren, wenn sie glücklich sind. Viele Halter kennen das vom Tierarzt oder in stressigen Situationen. Manche Katzen schnurren sogar bei Schmerzen oder nach Verletzungen. Genau deshalb vermuten Forscher heute, dass Schnurren nicht einfach nur ein „Glücksgeräusch“ ist.
Vielmehr scheint es für Katzen eine Art Selbstberuhigung zu sein.
Und vielleicht erklärt genau das auch, warum Schnurren auf uns Menschen so beruhigend wirkt. Die tiefen, gleichmäßigen Vibrationen wirken ruhig, sicher und vertraut. Viele Katzenhalter berichten sogar, dass sie beim Schnurren ihrer Katze selbst entspannter werden oder besser schlafen können.
Wenig Aufwand, großer Effekt
Ob Katzen mit ihrem Schnurren tatsächlich heilende Effekte erzeugen, wie oft behauptet wird, ist wissenschaftlich bisher nicht eindeutig bewiesen. Sicher ist aber: Die Frequenz des Schnurrens liegt tatsächlich in einem Bereich, der in der Medizin mit Regeneration und Entspannung untersucht wird.
Vielleicht fasziniert uns das Schnurren deshalb so sehr. Weil es wie eine echte Leistung klingt, aber auch pure Geborgenheit auslöst.