8. April 2026, 8:44 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Tierschutz klingt nach Liebe und Verantwortung. Doch wenn ein Tierschutzhund nach der Vermittlung Probleme macht, ziehen sich manche Organisationen zurück und lassen die Helfenden alleine. PETBOOK-Autorin Nina Ponath hat so einen Fall im Freundeskreis erlebt und mit Experten darüber gesprochen.
Ein Fall wie aus dem Lehrbuch
Meine Freundin Tine, die eigentlich sehr lebensfroh und durch nichts so leicht aus der Ruhe zu bringen ist, stand letztes Jahr kurz vor dem Burn-out. Der Grund war nicht etwa zu viel Stress bei der Arbeit, sondern eine ungewohnte Belastung zu Hause. Eine Belastung mit vier Beinen und dichtem Fell.
Ein paar Monate zuvor, hatte sie sich dazu entschieden, mal wieder einem Hund als Pflegestelle ein Zuhause auf Zeit zu geben. Pflegestelle bedeutet: Man nimmt einen Hund aus dem Tierschutz bei sich auf, oft nur für Wochen oder Monate, bis eine endgültige Familie gefunden ist. Für Tine war das nichts Neues – sie hatte das schon mehrfach gemacht, und die Hunde waren meist schnell weitervermittelt und oftmals, um das an dieser Stelle zu sagen, klappt es auch gut.
„Gut verträglich, toll sozialisiert“ – die Beschreibungen trügen oft
Auch diesmal klang alles unkompliziert. Die Beschreibung der Organisation las sich vielversprechend: „Milly, Hündin, vermutlich Labrador-Mix, gut sozialisiert.“ Wenig später war Milly vermittelt. Doch nach nur einigen Tagen klingelte Tines Telefon. Die Adoptanten hatten die Hündin zurückgegeben. Ob Tine Milly erneut aufnehmen könne? Sie sagte zu und stellte bald fest, dass die Beschreibung kaum etwas mit der Realität zu tun hatte.
Milly war eine ängstliche, mitunter fast panische Hündin, die anscheinend kaum Erfahrungen in ihrem bisherigen Leben gemacht hatte. Auf das Meiste in ihrer Umwelt reagierte sie mit aufgeregtem Bellen und schnappte nach vorne, wenn ihr jemand zu nahe kam.
Wenn es Probleme gibt, sind nur wenige Organisationen zuverlässig erreichbar
Leider ist Milly kein Einzelfall. „Nicht selten werden Hunde unter falschen Voraussetzungen vermittelt“, sagt Hundetrainer Torsten Bencke. „In den Inseraten heißt es dann: ‚gut verträglich, toll sozialisiert‘. Tatsächlich haben manche Hunde aber ihr Leben bisher im Zwinger oder sogar im Keller verbracht, sodass man kaum einschätzen, geschweige denn, wissen kann, wie sie sich verhalten werden.“
Bencke kennt die Probleme nur zu gut. Immer wieder wenden sich überforderte Halter an ihn, die mit einem Tierschutzhund einige Zeit nach der Vermittlung nicht klarkommen und von der zuständigen Organisation im Stich gelassen werden. „Meiner Erfahrung nach ist es fast immer dasselbe: Erst treten die Organisationen mit Vorkontrollen und Verträgen sehr streng auf. Doch wenn es Probleme gibt, sind nur wenige zuverlässig erreichbar.“ Erst kürzlich kontaktierte ihn eine Familie, deren Hund – angeblich ein „verträglicher Familienhund“ – das Kind gebissen hatte. Die Organisation konnte oder wollte nicht helfen.
Wenn Rasse-Angaben geschönt werden
Hinzu kommt, dass Rasse-Angaben nicht immer stimmen. „Oft heißt es, im Hund stecke ein Labrador, verschwiegen wird aber, dass auch Hüte- und Herdenschutzrassen dabei sind, die einen starken Hütetrieb haben“, erklärt Bencke. „Damit muss man umgehen können – sonst wird das zum echten Problem.“
Ein extremes Beispiel: Vor einigen Jahren landete bei ihm ein Kangal, 78 Kilogramm schwer, als angeblicher Labrador vermittelt. Auch ein kaukasischer Schäferhund sei schon einmal unter falschem Etikett weitergegeben worden. „Diese Hunde sind genetisch darauf programmiert, ihr Revier zu verteidigen. Das kann man nicht einfach wegtrainieren. Wird so ein Hund in eine Drei-Zimmer-Wohnung vermittelt, in der er keine Aufgabe hat, ist Frust vorprogrammiert.“
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Tierheime sind voll von „falsch“ vermittelten Hunden
Auch Tine musste das erleben. Immer wieder sprang sie ein, wenn Milly nicht bei den Adoptanten bleiben konnte. Eine Aufgabe, die eigentlich die Organisation hätte übernehmen müssen. „Viele Tierschutzvereine fühlen sich nicht mehr verpflichtet, Hunde zurückzunehmen oder weiterzuvermitteln – auch nicht bei Beißvorfällen“, sagt Bencke. Das sei ein Grund, warum Tierheime überlaufen seien. „Dort sitzen so viele Herdenschutzhunde – und das nicht ohne Grund.“
Das bestätigt Kerstin van Kan, Pressereferentin des Deutschen Tierschutzbundes: „In den Tierheimen sitzen viele Tiere aus zweifelhafter Herkunft wie aus illegalem Welpenhandel stammen oder auch von unseriösen Auslandsvereinen.“ Häufig werden sie wegen Überforderung abgegeben, weil sich die Besitzer im Vorfeld viel zu wenig informiert haben.
„Vielen Käufern ist überhaupt nicht bewusst, dass die Tiere keine oder ungenügende Sozialisation erhalten haben und was es tatsächlich bedeutet, ein Tier seinen Bedürfnissen entsprechend zu halten“, so Kerstin van Kan.
Lieber aus dem Tierheim adoptieren
Eine Auswertung des Deutschen Tierschutzbundes 2021 unter den Mitgliedsvereinen zeigte, dass sich durchschnittlich 29,1 Prozent der in deutschen Tierheimen betreuten Hunde im Verhalten problematisch zeigten. Dabei waren 67 Prozent dieser im Verhalten problematischen Hunde zwischen vier und sieben Jahren alt und es handelte sich überwiegend um große Hunde.
Von den Hunden, die als im Verhalten problematisch eingestuft wurden, war bei 21 Prozent bekannt, dass sie aus dem Ausland stammen. Bei weiteren 25 Prozent war die Herkunft unbekannt, sodass von einer höheren Dunkelziffer ausgegangen werden muss.
„Der Deutsche Tierschutzbund plädiert deshalb dafür, wenn man einen Hund aufnehmen möchte, ein Tierheimtier zu adoptieren“, sagt Kerstin van Kan. Tierheim-Mitarbeiter würden einen Blick dafür haben, welches Tier zu einem passt und kennen die Tiere, die bei ihnen wohnen. „Das ist ein Kriterium, das wir auch an seriöse Auslandstierschutzvereine stellen: Eine über die Vermittlung hinausgehende Betreuung“, so Kerstin van Kan. „Dazu gehört auch, dass Auslandstierschutzvereine sicherstellen, dass sie Kapazitäten haben, ‚Rückläufer‘ wiederaufzunehmen.“
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Was also tun? „Wir fordern schon lange den Nachweis theoretischer Sachkunde vor der Anschaffung eines Hundes“, sagt Kerstin van Kan. Idealerweise sollte Halter grundlegende Kenntnisse zur richtigen Aufzucht, Sozialisierung, dem tierschutzgerechten Umgang, Haltung und Erziehung des Hundes nachweisen können. Zum anderen müssten Pflegestellen und Endhalter verlässlichere Unterstützung bekommen, wenn Probleme auftreten.
„Tierschutz ist wichtig – aber er darf nicht zulasten derjenigen gehen, die helfen wollen“, sagt Torsten Bencke. „Sonst bleiben am Ende Hunde zurück, die von Familie zu Familie geschoben werden und niemals wirklich ankommen.“
Ein Appell zum Schluss
Tines Geschichte mit Milly zeigt: Die Idee, einem Hund aus dem Tierschutz ein neues Leben zu schenken, ist wunderbar – aber damit Hund und Halter glücklich werden, braucht es Ehrlichkeit von den Organisationen, realistische Einschätzungen zu Verhalten und Rassen, und vor allem die Sicherheit, im Notfall nicht alleine gelassen zu werden. Nur so können Adoptionen wirklich gelingen – für die Menschen und für die Hunde.
