11. Dezember 2025, 14:55 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Tierspielzeug sieht oft harmlos aus – bunt, weich, niedlich. Doch ob es wirklich sicher ist, lässt sich von außen kaum erkennen. Genau hier setzen Alexander Ebenbeck und Anja Armani von der SKZ – Testing GmbH an. Das unabhängige Prüflabor testet seit über 60 Jahren Kunststoffprodukte und hat nun ein Prüfsiegel für Hundespielzeug entwickelt. Im PETBOOK-Interview erklären die beiden Experten, wieso sogar Naturkautschuk problematisch sein kann – und wie ein künstliches Hundemaul im Labor 10.000 Mal zubeißt, um gefährliche Schwachstellen aufzuspüren.
Auf was kaut mein Hund da den ganzen Tag rum?
PETBOOK: Herr Ebenbeck, wie sind Sie persönlich zum Thema Tierspielzeugprüfung gekommen?
Alexander Ebenbeck: „Ich bin vor drei Jahren ans SKZ gekommen. Da habe ich von Anja erfahren, dass wir gerade anfangen, Tierspielzeuge zu prüfen. Und ich fand das sofort spannend, weil ich selbst einen Hund habe. Ich stand immer im Laden und dachte: ‚Was kaufe ich dem jetzt eigentlich?‘ Überall steht drauf: ‚gesund‘ oder ‚nicht gefährlich‘. Aber einen richtigen Nachweis habe ich nirgends gesehen. Das sind alles freiwillige Selbstverpflichtungen der Hersteller, Selbsterklärungen.
Wir kommen eigentlich aus dem Baubereich und prüfen Kunststoffe – beispielsweise für Dachabdichtungen oder Trinkwasserrohre. Und viele Tierspielzeuge bestehen ja nun mal auch aus Kunststoff. Die Idee kam von Kolleginnen, die selbst Hunde haben und sich gefragt haben: ‚Auf was kaut mein Hund da den ganzen Tag rum?‘ Und so hat sich das Thema nach und nach entwickelt.
Frau Armani, was macht das SKZ als Prüflabor aus?
Anja Armani: „Wir sind ein unabhängiges, neutrales Prüflabor, akkreditiert nach DIN EN ISO/IEC 17025. Mit über 80 Experten aus Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Laborpraxis, modernster Technik und rund 5000 Quadratmetern Laborfläche prüfen wir nach mehr als 1000 Normen und Regelwerken – und gehören damit zu den großen Spezialisten unserer Branche.
Wir haben außerdem viele Tierbesitzer im Kollegium. Und wenn man unser Labor kennt, weiß man, dass da sehr viele Maschinen herumstehen. Irgendwann haben Kollegen einfach mal gesagt: Komm, wir spannen eine Frisbee ein – was hält die eigentlich aus? Und damit begann der ganze Gedanke.“
„86 Prozent der Tierhalter würden mehr für geprüftes Spielzeug bezahlen“
Ich kann mir vorstellen, dass das auch viele andere Hundebesitzer interessiert. Haben Sie überprüft, wie hoch das öffentliche Interesse an solchen Tests ist?
Anja Armani: „Bevor wir richtig losgelegt haben, haben wir über ein Marktforschungsinstitut – Appinio – eine Umfrage unter 440 Käuferinnen und Käufern von Hundespielzeug in Deutschland durchgeführt. Und eine der wichtigsten Fragen war: Würden Sie mehr für geprüftes Spielzeug zahlen? Das Ergebnis war sehr deutlich: 86 Prozent wären bereit, mehr Geld auszugeben, wenn das Spielzeug umfassend geprüft wurde. Das hat uns den nötigen Schub gegeben.“
„Wir haben am Anfang einfach alles getestet, was ging“
Was haben Sie in der ersten Entwicklungsphase konkret untersucht?
Alexander Ebenbeck: „Wir haben unglaublich viel ausprobiert – einfach mit dem, was wir im Labor zur Verfügung hatten. Also Dicke, Dichte, Gewicht, die Härte. Härte ist wichtig, weil Produkte, die zu hart sind, Zahnprobleme auslösen können. Ein Hund, der eine Frisbee aus der Luft fängt, darf sich daran nicht verletzen.
Zugversuche sind bei uns Standard, die haben wir gemacht. Dann haben wir einen eigenen Beißtest entwickelt. Außerdem Alterungstests, UV-Bewitterung – also was passiert, wenn die Frisbee wochenlang in der Sonne liegt. Speicheltests bei 40 Grad, um künstlichen Speichel zu simulieren. Und dann natürlich die ganze Palette der analytischen Prüfungen: Schadstoffanalysen, Materialidentifikation, Emissionsmessungen, Schnüffeltestgeräte für flüchtige organische Verbindungen und mehr.
Wir wollten einfach wissen: Was geht? Und am Ende haben wir uns dann auf drei Hauptprüfungen konzentriert – aber der Weg dahin war umfangreich.“
Der „Würzburger Hund“ – ein Beißtest mit echten Hundezähnen
Sie haben sogar ein künstliches Hundemaul entwickelt. Wie kam es dazu?
Anja Armani: „Der erste Prototyp hatte Metallstifte als Zähne – funktional, aber unrealistisch. Wir haben uns mit Tiermedizinern beraten, und die sagten uns schnell: Das ist kein echtes Hundeverhalten. Wir bräuchten etwas, das dem Kieferschluss und den Zahnformen entspricht.
Also haben wir ein echtes Gebiss eines Golden Retrievers per 3D-Scan digitalisiert. Ein ehemaliger Kollege von uns hat ein Metall-3D-Druckverfahren weiterentwickelt, und damit wurde dann das finale Gebiss hergestellt. Modulbauweise: Wir können jederzeit auch ein anderes Gebiss einbauen, wenn wir etwa Katzen- oder Marderbiss testen wollen.“
Alexander Ebenbeck: „Wir haben auch wissenschaftliche Veröffentlichungen ausgewertet. In einer Studie wurden 20 Hunde narkotisiert und die Beißkraft gemessen – rund 200 Kilo. Wir haben uns für unsere Prüfkriterien bewusst auf 50 Kilo festgelegt. Das ist realistisch und deckt viele Hunde ab. Natürlich beißt nicht jeder Hund gleich fest. Aber wichtig ist: Unser Hund beißt mit immer gleicher Kraft und ohne Abweichung – das kann kein echter Hund leisten.“
Eines Ihrer Kriterien ist UV-Beständigkeit. Warum ist das wichtig?
Alexander Ebenbeck: „Weil viele Leute das Spielzeug im Garten liegen lassen. Man denkt nicht daran, aber so ein Ball oder eine Frisbee bleibt mal monatelang draußen. In der künstlichen Bewitterung entspricht eine Woche Test rund einem Vierteljahr realer Sonneneinstrahlung in Mitteleuropa. Und wir haben Fälle gesehen, in denen die Frisbee nach sechs Wochen Testzeit komplett zerfallen ist – also einfach zerbröselt, man konnte nicht mal mehr Probekörper herausstanzen.
Manche Materialien werden außerdem härter – um bis zu 20 Prozent. Und eine zu harte Frisbee kann den Hundezähnen schaden. Das ist ein echtes Risiko.“
Schadstoffe: „Naturkautschuk klingt gut – ist aber nicht automatisch gut“
Welche Schadstoffe sind besonders kritisch?
Anja Armani: „Wir orientieren uns unter anderem an Kinderspielzeugnormen. Das heißt: Phthalate (Weichmacher), PAKs, Schwermetalle, nitrosierbare Stoffe, Bisphenol A, halogenorganische Verbindungen und viele weitere.
Naturkautschuk ist übrigens kein Garant für ein unbedenkliches Produkt. Das ist ursprünglich eine milchige Flüssigkeit aus Baumsaft. Damit daraus ein fester Kunststoff wird, braucht es Zusätze – zum Beispiel Schwefel zur Vulkanisation. Diese Rückstände können im Endprodukt bleiben.
Bei Textilien ist es ähnlich: Baumwolle klingt gut, aber da können Pestizide drin sein. Bei Leder können Gerbstoffe oder Chromverbindungen ein Problem sein.“
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„Hunde finden sofort die Schwachstellen – und das sind immer dieselben“
Was sind typische Schwachstellen bei Spielzeugen?
Alexander Ebenbeck: „Alles, was von der Geometrie her filigran ist: kleine Öhrchen, Übergänge von dick auf dünn, irgendwelche herausstehenden Noppen. Hunde spüren das sofort – egal welcher Hund. Das sind die Stellen, die zuerst abgeknabbert werden. Bei Knochen sieht man das besonders gut.
Auch Verbundspielzeug – also Kombinationen aus Seil, Holz, Textil – ist oft anfällig. Die Verbindungsstellen sind einfache Schwachpunkte.“
Anja Armani: „Wir prüfen jeden dieser Punkte gezielt. Wir belasten das Produkt dreimal an verschiedenen Stellen mit 10.000 Bisszyklen. Danach darf zwar Abnutzung vorhanden sein, aber keine Stelle, an der ein Teil herausgezogen werden könnte.“
„Man sieht einem Produkt nicht an, was drinsteckt“
Können Verbraucher irgendetwas erkennen, wenn sie im Laden stehen?
Alexander Ebenbeck: „Ehrlich gesagt: Nein. Man sieht dem Produkt nicht an, was drin ist. Selbst namhafte Hersteller sind bei Schadstofftests schon durchgefallen. Viele Händler verlassen sich einfach auf die Aussage ihrer Lieferanten: ‚Ist alles okay.‘ Aber ob wirklich geprüft wurde, können die oft gar nicht sagen.“
Wie transparent ist Ihr Prüfsiegel?
Anja Armani: „Der komplette Prüfbericht ist online einsehbar. Mit allen Messwerten, Fotos, Grenzwerten, Ergebnissen. Verbraucher können genau nachvollziehen, was getestet wurde. Das Siegel gilt drei Jahre – aber nur, wenn der Hersteller in dieser Zeit weder das Material noch das Herstellungsverfahren ändert.“
Wie schnitten die ersten Produkte im Test ab?
Anja Armani: „Der erste Hersteller hat alle Kriterien erfüllt. Darüber dürfen wir sprechen, weil der Bericht öffentlich ist. Andere Produkte aus unseren frühen Testphasen waren nicht für den Markt bestimmt – darüber dürfen wir nichts sagen.“
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„Warum gibt es das eigentlich nicht schon längst?“
Das fragen sich viele Leser: Warum gab es so ein Siegel bisher nicht?
Alexander Ebenbeck: „Das fragen wir uns auch. (lacht) Es gab wohl schon Versuche von Wettbewerbern, aber nichts hat sich aus unserer Sicht so richtig etabliert. Vermutlich, weil der Aufwand groß ist und Tierprodukte oft als ‚Kleinkram‘ gelten. Aber Hunde tragen ihr Spielzeug viel länger im Maul als Babys ihr Spielzeug – eigentlich müsste der Standard höher sein. Und die Verbraucher glauben fälschlicherweise oft: Wenn’s im Zoofachhandel steht, muss es geprüft sein. Aber das stimmt so nicht.“
Auch Katzenbäume, Pferdehalfter und Leinen könnten geprüft werden
Planen Sie, auch andere Produkte wie Näpfe, Leinen oder Betten zu testen?
Alexander Ebenbeck: „Ja. Anfragen gibt es schon, etwa zu Katzenbäumen – da ging es allerdings um die Standsicherheit. Grundsätzlich können wir sehr viel prüfen: Haltbarkeit, Reißfestigkeit, Schadstoffe. Auch Geschirre und Leinen wären spannend, weil der Hund darauf herumkauen kann – und weil Halter das Material stundenlang in der Hand halten. Das sollte auch einmal getestet werden.“
Merken Sie schon mehr Nachfrage?
Alexander Ebenbeck: „Ja, es gibt Interessenten. Einige entwickeln gerade neue Produkte und überlegen, das Siegel einzuplanen. Andere sagen klar: ‚Zu teuer.‘ Es hängt von der Stückzahl ab – bei großen Herstellern verteilt sich das einfacher auf viele Produkte. Aber wir sind sicher: Wenn Verbraucher den Wunsch äußern, wird auch bei den Herstellern und Distributoren ein Umdenken stattfinden. Denn worum geht es uns allen? Um das Wohl unserer Vierbeiner.“