21. Oktober 2026, 6:09 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die Freude über den neuen Hund ist groß, doch nach wenigen Wochen kehrt bei vielen frisch gebackenen Hundebesitzern Ernüchterung ein. Statt Kuschelzeit und entspannter Spaziergänge bestimmen plötzlich Schlafmangel, Unsicherheit und Frust den Alltag. Dieses emotionale Tief ist als Welpenblues bekannt. Hundetrainerin Katharina Marioth kennt die Sorgen und Zweifel und erklärt, was Betroffenen durch diese anstrengende Zeit hilft.
Zwischen Euphorie und Realität
Hundetrainerin Katharina Marioth kennt das Phänomen Welpenblues gut – und macht gleich zu Beginn deutlich: „Die meisten Menschen haben eine romantisierte Vorstellung von der Welpenzeit. Ein süßer Hund zieht ein, und alles wird schön. Doch das ist schlichtweg nicht realistisch.“
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Tatsächlich bedeute ein junger Hund zunächst vor allem eines: Arbeit. Alle zwei Stunden rausgehen, Nächte ohne Schlaf, erste Krankheiten, Zahnen – all das sei Alltag in den ersten Wochen. Hinzu kämen plötzlich auftretende Verhaltensweisen, etwa das Zerstören von Gegenständen oder wilde Spielattacken, die bei Halterinnen und Haltern Sorgen auslösen. „Viele rufen mich dann panisch an, weil der Welpe sie angeblich beißt. Dabei ist das ganz normales Verhalten in dieser Entwicklungsphase“, so Marioth.
Warum viele an ihre Grenzen stoßen
Der Stress werde oft noch durch externe Einflüsse verstärkt. Laut Marioth prasseln von allen Seiten Ratschläge ein, häufig von „selbsternannten Hundeexperten“ im Freundes- oder Bekanntenkreis. Zudem werde in Medien und auch von vielen Trainerkollegen die Bedeutung der Welpenzeit stark betont – was zusätzlich Druck aufbaue. Dabei sei es durchaus richtig, dass diese Phase wichtig sei, doch die Hundetrainerin betont: „Ein Hund ist erst mit etwa drei Jahren wirklich sozial reif. Wir haben also lange Zeit, um Verhalten zu formen.“
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Besonders heikel werde es, wenn sich bestehende Konflikte im Familien- oder Beziehungsgefüge durch den Hund plötzlich offenbarten. Marioth erlebt häufig, dass über den Hund plötzlich Dinge zur Sprache kommen, die vorher verdrängt wurden. „Man arbeitet dann nicht mehr am Hund, sondern plötzlich am Partner oder an sich selbst“, schildert sie. Schlafmangel, Chaos im Alltag, emotionale Überforderung – all das könne zu einer extrem belastenden Zeit führen. „Und wer sagt, seine Welpenzeit war nur schön – der hatte wahrscheinlich noch nie einen“, sagt sie mit einem Schmunzeln.
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Professionelle Hilfe frühzeitig nutzen
Doch was können Betroffene tun, wenn sie mitten im Welpenblues stecken? Marioth rät vor allem zu Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Es sei vollkommen in Ordnung, sich überfordert zu fühlen. Wichtig sei es dann, nicht zu versuchen, alle Probleme über den Hund zu erklären – etwa mit Sätzen wie: „Der hört nicht, der beißt, das klappt alles nicht.“ Stattdessen sei es hilfreicher, sich einzugestehen: „Ich bin gerade überfordert.“ Für Hundetrainer sei diese Offenheit essenziell, denn sie schaffe eine authentische Basis für das gemeinsame Arbeiten.
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Aber woran erkennt man, dass es an der Zeit ist, sich Hilfe zu holen? Eine einfache Checkliste gebe es nicht, sagt Marioth. Doch spätestens, wenn Frust und Kontrollverlust überhandnähmen, sollte man handeln. Auch Menschen mit Hundeerfahrung könnten in dieser Situation an ihre Grenzen stoßen. „Nur weil man als Kind mal einen Hund hatte, heißt das nicht, dass man heute alles richtig macht. Jeder Hund ist anders“, so die Expertin. Sie empfiehlt, nicht zu zögern: Schon eine Einzelberatung könne enorm helfen. Dank digitaler Angebote sei Hilfe heute niederschwellig erreichbar. Kurze Handyvideos aus dem Alltag reichten oft schon, um Verhalten gemeinsam einzuordnen.
Was Sie vor dem Hundekauf beachten sollten
Wer sich gerade erst überlegt, einen Hund anzuschaffen, kann dem Welpenblues durchaus vorbeugen. Für Marioth steht fest: Die Auswahl des Hundes ist entscheidend. Sie rät zukünftigen Hundehaltern, sich im Vorfeld ausführlich beraten zu lassen. „Ich vergleiche das gern mit einem Möbelkauf – da plant man auch alles genau – warum also nicht auch bei der Auswahl eines Lebewesens?“ Ob Tierschutz, Züchter oder Tierheim – all das müsse gut überlegt sein. Man dürfe sich dafür ruhig ein Jahr oder länger Zeit nehmen.
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Und wenn der Hund schließlich einzieht, empfiehlt die Trainerin, bereits in der ersten Woche einen Experten hinzuzuziehen. Eine frühzeitige und enge Begleitung könne viele Fehler vermeiden und erspare langfristig Zeit, Geld und Nerven.
Das gesamte Interview mit Katharina Marioth sehen Sie im Video.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.