22. September 2025, 5:57 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Tierarztbesuche sind für viele Hunde Stress pur – doch oft liegt das nicht nur an der Behandlung selbst, sondern auch am Umgang in der Praxis. PETBOOK-Autorin Manuela Lieflaender sprach mit einem Experten darüber, warum Feingefühl beim Tierarzt für Hunde so wichtig ist und was Halter tun können, um Ängste zu vermeiden
Ich ärgere mich jedes Mal, wenn Tierärzte grob sind und kein Feingefühl im Umgang mit Hunden haben. Ja klar, es gibt Situationen und Krankheiten, da ist der Tierarztbesuch einfach unangenehm. Das lässt sich nicht grundsätzlich vermeiden. Aber oft kommt man in die Praxis, der Tierarzt steht schon unter Strom, der Hund wird sofort auf den Tisch gewuchtet, die Helferin fixiert ihn und dann wird gearbeitet. Und zwar zack, zack. Der nächste Patient wartet schon. Wehe, wenn der Vierbeiner nicht sofort stillhält, dann kommt die Maulschlaufe oder der Maulkorb zur Absicherung.
Tierarztpraxen sollten Hunden keine Angst machen
Nein, ein Maulkorb ist erst mal nichts Schlimmes. Aber muss das so ablaufen? Sollten Tierärzte nicht eigentlich dafür sorgen, dass Tiere möglichst wenig Angst und Stress in dieser ohnehin unangenehmen Situation haben? Meine Haustierärztin sieht das so. Sie findet, Angst und Stress seien „hausgemachte Gründe“ und würden sich vermeiden lassen, wenn der Tierarzt darauf Wert legen würde. Ich wollte wissen, ob sie mit dieser Aussage recht hat und wie man einen Tierarzt findet, der ein Gespür für den richtigen Umgang mit Hunden hat.
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Tierärzte für Hunde haben den Umgang nie gelernt
Ich hab’s vermutet. Doch am Ende hat es mich bei meiner Recherche trotzdem schockiert: Der praktische Umgang mit Hunden findet im normalen Tiermedizin-Studium wenig Berücksichtigung. Fast alles ist in erster Linie Theorie. Das hat mir Dr. Lars Nethe bestätigt, er ist selbst Fach-Tierarzt und Inhaber einer Hundepraxis. „Viele junge Kollegen wissen nicht, wie sie die Signale eines Hundes richtig deuten. Im Studium lernen wir zwar theoretisch, die Mimik eines Hundes lesen zu können, für die praktische Umsetzung braucht man jedoch Erfahrung und Fingerspitzengefühl.“
Sind angstreduzierende Medikamente die Lösung?
Das heißt also, ob die Behandlung für den Hund eine positive Erfahrung wird, hängt von der Hundeerfahrung des Tierarztes und seiner Terminplanung ab. So meine Schlussfolgerung. „Na ja. Das mag ein Faktor sein. Aber ich gebe zu bedenken, ob es wirklich der Tierarzt ist, der den Hund ängstlich macht oder die Behandlung selbst. Denn die ist nun mal per se mit einer körperlich schlechten Erfahrung für den Hund verbunden. Selbst wenn wir den Hund erst mal eine Stunde lang streichen würden und anschließend die Spritze setzen, heißt das nicht, dass er sich beim nächsten Besuch wieder anfassen lässt.“
Na klar, je schlimmer die Erkrankung oder die Verletzung, die behandelt werden muss , desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Vierbeiner Tierärzte künftig meiden wird. In solchen Fällen bieten viele Praxen ein angstlösendes Medikament an, das vor dem Tierarztbesuch verabreicht wird.
„Es gibt 3 Arten von Patienten“
„Es gibt drei Arten von Patienten. Die einen kommen nach einer unangenehmen Behandlung beim nächsten Mal wieder schwanzwedelnd in die Praxis. Weitere sind schon als Welpen eher skeptisch und uns Tierärzten nicht wohlgesonnen. Und die letzten sind eben solche, die sich eine unangenehme Erfahrung gut gemerkt haben.“ Evolutionär sei dieses Verhalten sinnvoll, denn in der Natur würde es vor wiederkehrenden Gefahren schützen.
Um den Besuch beim Tierarzt stressfreier zu machen, hilft ein „Medical Training“, das regelmäßig zu Hause geübt wird. Das bedeutet, man bringt dem Hund im Vorfeld bei, sich überall anfassen zu lassen. Dazu gehört, sich die Ohren und die Pfoten kontrollieren zu lassen, genauso wie die Zähne. Wer dieses Training zur Alltagsroutine macht und es für den Hund positiv verknüpft, kann die Anspannung beim Tierarztbesuch reduzieren.
Lohnt sich der Besuch einer als katzenfreundlich zertifizierten Tierarztpraxis?
Medical Training für Haustiere – gegen die Angst vor dem Tierarzt
Schnupperstunde in der Praxis
Trotzdem weiß ich noch immer nicht, wie ich den richtigen Tierarzt für meinen Hund und mich finde. Meine Idee: Genau wie man sich beim neuen Hausarzt vorstellen muss und nicht erst, wenn man krank ist, möchte ich meinen zukünftigen Tierarzt erst mal kennenlernen. Aber geht das so einfach?
Ja. Es gibt Praxen, die zum Kennenlernen sogenannte „Happy Visits“ anbieten. Das ist ein Termin ohne Behandlung, bei dem der Hund die Praxis positiv verknüpft und der Besitzer herausfinden kann, ob der Tierarzt für den Hund und ihn der richtige ist. Die Kosten für „Happy Visits“ sind je nach Zeitaufwand und Terminplanung von Praxis zu Praxis verschieden.
Woran erkenne ich beim Happy Visit, ob der Tierarzt passt?
- Erster Eindruck zählt: Schon im Wartezimmer sollte es ruhig und freundlich zugehen. Stressfaktoren wie lange Wartezeiten, laute Umgebungen oder volle Räume können Warnsignale sein.
- Umgang des Teams: Lässt der Tierarzt den Vierbeiner erst einmal schnuppern und ankommen? Ein guter Tierarzt drängt nicht, sondern gibt Raum.
- Körpersprache: Achte darauf, ob der Arzt respektvoll mit der Individualdistanz deines Hundes umgeht. Kein abruptes Anfassen, kein Festhalten ohne Vorbereitung.
- Kommunikation mit dem Besitzer: Ein guter Tierarzt erklärt, warum er etwas tut – selbst beim Happy Visit. Er interessiert sich für die Vorgeschichte, fragt nach Ängsten oder schlechten Erfahrungen.
Wenn du nach einem Happy Visit herausgehst und dein Hund wirkt entspannt, neugierig oder zumindest nicht panisch, ist das ein hervorragendes Zeichen. Wenn dein Bauchgefühl sagt: „Hier fühlen wir uns nicht wohl“ – dann stimmt’s meistens auch.