20. August 2025, 16:58 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Immer mehr Menschen greifen auf Medikamente zurück, um Gewicht zu verlieren – nun könnte auch der beste Freund des Menschen bald davon profitieren. Ein Biotech-Unternehmen entwickelt derzeit ein Langzeit-Hormonimplantat, das Hunden nach dem Vorbild von „Abnehmspritzen“ beim Gewichtsverlust helfen soll. Doch ist der medizinische Eingriff wirklich nötig – oder gibt es einfachere Wege zu einem gesünderen Tierleben?
Hormonimplantat soll Hunden beim Abnehmen helfen
Der Wirkstoff in Humanpräparaten imitiert das Hormon GLP-1, das das Hungergefühl unterdrückt. Genau auf diesem Prinzip basiert auch ein neues Implantat für Hunde, das derzeit von einem Biotech-Unternehmen entwickelt wird.
Appetitzügler könnten vor allem jenen Hunden helfen, die zu übermäßigem Fressen neigen – was langfristig zu starkem Übergewicht führt. Dass dies ein reales Problem darstellt, zeigt eine Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2023: Schätzungen zufolge seien in Deutschland etwa 52 Prozent der Hunde übergewichtig. 1
Genau hier setzt das neuartige Implantat mit dem Namen OKV-119 an, das von der Firma Okava entwickelt wird. Es enthält den Wirkstoff Exenatid – ein GLP-1-Mimetikum – und soll über einen längeren Zeitraum wirken. Die Firma plant erste klinische Studien mit Hunden und strebt eine Markteinführung im Jahr 2028 oder 2029 an. 2
Übergewicht gefährdet Gesundheit, aber Gründe sind hausgemacht
Ob es zu einem ähnlichen Boom wie bei den sogenannten „Abnehmspritzen“ führen wird, bleibt abzuwarten. Denn viele Probleme, die bei Haustieren im Zusammenhang mit Übergewicht auftreten, sind tatsächlich hausgemacht.
Zu wenig Bewegung, zu viel Futter, Alter oder Kastration – die Ursachen für Übergewicht bei Haustieren sind vielfältig. Die Folgen reichen von Diabetes, Harnwegserkrankungen und Krebs bei Katzen bis zu Arthritis, Herzerkrankungen und Atemproblemen bei Hunden. Übergewicht beeinträchtigt Lebensqualität und Lebenserwartung deutlich. Empfohlen werden in solchen Fällen in erster Linie Bewegung und kalorienarme Diätpläne. Diese setzen auf ballaststoff- und eiweißreiche Ernährung. Und eigentlich reicht das auch aus.
Denn im Gegensatz zu Menschen, die unter einer krankhaften Esssucht oder Erkrankungen wie Adipositas leiden, haben Hundehalter einen direkten Einfluss darauf, was ihren Tieren in den Napf kommt. Ein Tier macht keine Impulskäufe, weil der Schokoriegel an der Kasse es gerade so anlächelt, oder isst eine ganze Lasagne, weil es sich einsam fühlt.
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Hormonimplantat soll gegen das „Betteln“ und beim Abnehmen helfen
Das Problem von Übergewicht bei Haustieren hat also oft andere Ursachen als beim Menschen. Vielfach wird hier das Betteln um Leckerli, dem der Halter immer nachgeben, genannt. Weitere Gründe können sein, dass der Kalorienbedarf des Tiers nicht bekannt ist oder nicht auf das Aktivitätslevel geachtet wird. Auch Trainingsleckerli, die nicht von der täglichen Ration des Tiers abgezogen werden, können auf Dauer zu Übergewicht führen.
Dr. Eleanor Raffan, Tierärztin und Expertin für Genetik und Adipositas bei Hunden an der Universität Cambridge, rät in der britischen Tageszeitung „The Guardian“ eher dazu, zunächst die Ernährung und das Bewegungsprogramm des Hundes anzupassen. „[I]m Interesse des Geldbeutels der Halter und möglicherweise auch im Sinne der Tiere, denn wir wissen, dass das sicher und effektiv sein kann, wenn es gut umgesetzt wird.“
Gleichzeitig räumt sie ein, dass es Situationen gibt, in denen ein medizinischer Eingriff bei übergewichtigen Tieren gerechtfertigt sei. „Aber wenn das scheitert oder wenn es einen dringenden Bedarf für eine Gewichtsreduktion gibt, sehe ich keinen Grund, warum [GLP-1-ähnliche] Medikamente nicht eine sinnvolle Option sein sollten – vorausgesetzt, sie werden in ordentlichen, prospektiven, gut konzipierten, randomisierten klinischen Studien getestet, bevor sie breit in der Praxis angeboten werden.“
Hemmung von Appetit kann bei Tieren Krankheiten verschleiern
Ein weiterer kritischer Punkt: Der Appetit eines Tiers ist oft ein wichtiges Frühwarnzeichen für Krankheiten. Eine durch Medikamente reduzierte Futteraufnahme könnte dazu führen, dass Symptome übersehen werden. Oder, dass die Tiere merken, dass etwas mit ihrem natürlichen Empfinden nicht stimmt, und sich matt und abgeschlagen fühlen – oder Nahrung ganz verweigern.
Michael Klotsman, CEO von Okava, beschreibt „The Guardian“ die Wirkungsweise des Produkts so: „Was Halter erwarten sollten, ist, dass ihr Tier angemessene Portionen frisst, ohne die bisherige Futterfixierung – sie werden weiterhin regelmäßig fressen und Interesse am Futter zeigen, nur ohne das übermäßige Betteln, Schlingen oder Scharren.“
OKV-119 stelle eher ein zusätzliches Werkzeug für Tierärzte dar, um Tiere zu behandeln, bei denen herkömmliche Ansätze nicht ausgereicht haben. Ähnlich wie GLP-1-Therapien neue Hoffnung für menschliche Patienten böten, die trotz aller Bemühungen mit Diät und Bewegung gegen Übergewicht kämpfen.
