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Erziehungstrick mit Folgen

Hund das Maul zuhalten? Warum der Griff nach hinten losgeht

Mensch fässt Hund ans Maul
Ein Griff ans Maul ist nicht automatisch ein Schnauzengriff. Wird der Hund dabei festgehalten oder unter Druck gesetzt, kann die Berührung Stress auslösen Foto: Getty Images

20. Oktober 2026, 12:28 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Der Welpe zwickt in die Hand, den Ärmel oder das Hosenbein. Der junge Rüde knurrt, wenn jemand am Napf vorbeigeht. Schnell folgt der vermeintlich passende Rat: Fass ihm einfach ums Maul, dann merkt er sich das. Schließlich machten Hundemütter es angeblich genauso. Hundetrainerin und PETBOOK-Autorin Katharina Marioth erklärt, weshalb dieser Vergleich nicht stimmt, welche Folgen der Griff haben kann und welche Alternativen besser sind, als das Maul zuzuhalten.

Der Vergleich mit der Hundemutter hinkt

Fangen wir mit der Hundemutter an, denn das Argument ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Erwachsene Hunde und auch Wölfe fassen einander tatsächlich manchmal um die Schnauze. Das geschieht jedoch ohne Druck und ohne Schmerz, zwischen Tieren, die sich kennen und deren Körpersprache aufeinander eingespielt ist. Oft steckt eine soziale Geste dahinter, die im Spiel vorkommt oder beruhigen soll.

Wenn ein Mensch dagegen zupackt und die Lefzen gegen die Zähne drückt, hat das mit dieser Geste nichts zu tun. Der Hund erlebt keine vertraute Mitteilung seiner Art, sondern einen plötzlichen Zwang, den er nicht deuten kann und dem er nicht ausweichen darf.

Der Griff trifft eine besonders empfindliche Stelle

Für einen Hund ist das Maul mehr als ein Teil des Gesichts. Es ist sein Werkzeug, mit dem er die Welt untersucht, sein Greifer und sein Mittel, sich verständlich zu machen. Direkt daneben sitzt die Nase, sein wichtigstes Sinnesorgan.

Wer die Schnauze umfasst, greift an einer der empfindlichsten Stellen ein, die ein Hund hat. Er nimmt ihm die Bewegungsfreiheit, kann seine Atmung beeinträchtigen und presst die Lippen gegen die eigenen Zähne. Selbst wenn wir nicht fest zupacken, bedeutet das für viele Hunde einen deutlichen Stressreiz.

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Aus Erziehung kann ein Vertrauensproblem werden

Nun könnte man einwenden, genau darum gehe es doch. Der Hund soll merken, dass sein Verhalten unerwünscht ist. Das Problem ist, dass Hunde nicht immer so lernen, wie wir es uns wünschen. Ein unangenehmes Erlebnis verknüpft sich mit dem, was in diesem Moment am deutlichsten war. Das ist selten der Gedanke: „Ich habe zu fest zugebissen.“ Es ist vielmehr die Hand, die auf den Hund zukommt, der Mensch, der sich über ihn beugt oder der Raum, in dem beide gerade stehen.

Die Folgen sehe ich in der Praxis immer wieder: Hunde, die den Kopf wegdrehen, wenn man ihnen über die Stirn streichen will. Hunde, die beim Anlegen des Halsbands erstarren. Hunde, die sich beim Tierarzt nicht mehr ins Gesicht fassen lassen. Was als Erziehungsmaßnahme gedacht war, wird so zu einem Vertrauensproblem.

Still sein bedeutet nicht verstehen

Doch weshalb halten sich solche Methoden so hartnäckig? Weil sie im ersten Augenblick tatsächlich zu wirken scheinen. Der Welpe hört auf zu zwicken, der Hund wird still. Aber still sein heißt nicht verstehen.

Viele Hunde erstarren unter Druck. Sie schalten innerlich ab, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Für uns sieht das aus wie Einsicht. Weil sich das eigene Verhalten scheinbar bewährt hat, greift man beim nächsten Mal wieder zu. So entsteht ein Kreislauf, in dem der Mensch belohnt und der Hund verunsichert wird.

Schnauzengriff beim Hund
Der Schnauzengriff kann das Vertrauen zum Hund massiv beeinflussen Foto: Getty Images

Im schlimmsten Fall wehrt sich der Hund

Dazu kommt ein Risiko, das gern unterschätzt wird. Ein Hund, der sich bedrängt und festgehalten fühlt, hat nicht viele Möglichkeiten. Er kann erstarren, fliehen oder sich wehren. Bei Tieren, die ohnehin unsicher sind, endet das Wehren nicht selten in einem ernsthaften Biss. Nach solchen Vorfällen sitzen mir Familien gegenüber, die völlig überrascht sind, weil der Hund doch „noch nie etwas getan hat“.

Beobachten Kinder im Haushalt, wie Erwachsene dem Hund das Maul zuhalten, ahmen sie es möglicherweise nach. Dann ist die Gefahr noch größer, denn ein Kind erkennt die Warnsignale eines Hundes weniger sicher als ein erfahrener Erwachsener.

Auch die Wissenschaft sieht körperlichen Zwang kritisch

Auch die Wissenschaft sieht solche Maßnahmen inzwischen kritisch. Untersuchungen zu Trainingsmethoden, die mit Einschüchterung und körperlicher Einwirkung arbeiten, zeigen bei Hunden mehr Stressanzeichen und häufiger Problemverhalten. Methoden, die auf Belohnung und klare Strukturen setzen, schneiden dagegen besser ab, ohne die Beziehung zu belasten.

Ein Hund, der Angst vor der Reaktion seines Menschen hat, lernt nicht besser. Er lernt vor allem, vorsichtig zu sein.

Wer zwei Hunde beim Toben beobachtet, sieht übrigens oft, dass sie sich gegenseitig in die Schnauze zwicken oder die Kiefer ineinander verhaken. Das ist Spiel und folgt Regeln: Die Tiere wechseln die Rollen, machen Pausen und dosieren ihre Kraft. Ein Mensch kann das weder so fein abstimmen, noch versteht der Hund die Absicht dahinter. Deshalb taugt dieses Bild nicht als Vorlage für die Erziehung, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht.

Bei zwickenden Welpen das Spiel beenden

Bleibt die Frage, was man stattdessen tun kann. Nehmen wir zuerst den Welpen, der mit den Zähnen alles erkundet, was ihm in die Quere kommt. Welpen zwicken nicht aus Bosheit. Sie erforschen ihre Umgebung, spielen und sind oft übermüdet, wenn sie besonders wild werden.

Hilfreich ist, das Spiel ruhig zu beenden: die Hand still halten, aufstehen, für etwa eine halbe Minute den Raum verlassen und danach von vorn beginnen. Ohne Schreien, ohne Schnappen, ohne Drama. Der Welpe lernt dabei etwas sehr Einfaches: Wenn Zähne auf Haut treffen, ist der Spaß vorbei.

Dazu gehören ein Kauartikel in Reichweite und viel Schlaf, oft mehr, als Menschen zunächst einplanen. Ein Welpe braucht am Tag häufig bis zu 18 Stunden Ruhe.

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Konflikte lösen und Berührungen trainieren

Schnappt ein Hund nach Gegenständen oder Futter, hilft es, das Signal „Aus“ freundlich aufzubauen. Man bietet etwas Besseres zum Tausch an und gibt den Gegenstand zurück, sofern er ungefährlich ist. Der Hund erfährt so, dass er nichts verliert, wenn er loslässt. Wer dagegen ins Maul greift und die Beute herausholt, kann ihm vermitteln, dass er sie verteidigen muss.

Auch Knurren ist eine Warnung und keine Frechheit. Ich rate dringend davon ab, es zu bestrafen. Denn dann verschwindet nicht das Problem, sondern nur die Vorwarnung. Besser ist es, Abstand herzustellen, nach dem Auslöser zu suchen und mögliche Schmerzen tierärztlich ausschließen zu lassen. Steckt mehr dahinter, ist eine erfahrene Trainerin oder ein erfahrener Trainer der richtige Ansprechpartner.

Es gibt allerdings Situationen, in denen man einem Hund tatsächlich ins Maul fassen muss, etwa um eine Tablette zu geben, einen Fremdkörper zu entfernen oder die Zähne zu kontrollieren. Auch das geht ohne Zwang, wenn man es vorbereitet. Ich lasse Hunde üben, das Kinn in die Hand zu legen, und belohne jede Sekunde Ruhe mit einem Leckerli. Anschließend hebt man langsam die Lefzen an, zunächst nur für einen Wimpernschlag, später etwas länger. Viele Hunde lernen das erstaunlich schnell, und der nächste Tierarztbesuch wird für alle Beteiligten entspannter.

Vertrauen statt Einschüchterung

Am Ende läuft es auf eine einfache Überlegung hinaus: Ich möchte, dass mein Hund mir vertraut, weil er mit mir gute Erfahrungen macht, und nicht, weil er weiß, was passiert, wenn er es nicht tut.

Ein Hund, der keine Angst vor meiner Hand hat, lässt sich später auch dann anfassen, wenn es wirklich darauf ankommt. Wer dem Hund das Maul zuhält, spart sich vielleicht zwei Minuten Geduld. Bezahlt wird dafür möglicherweise mit Vertrauen, das sich nur mühsam wiederherstellen lässt.

Und wenn Sie selbst schon einmal zur Schnauze gegriffen haben, weil man es Ihnen so beigebracht hat, ist das kein Grund für Schuldgefühle. Wir handeln alle nach dem Wissen, das wir gerade haben. Entscheidend ist, was wir ab heute daraus machen. Dann lernt Ihr Hund: Ihre Hände bedeuten etwas Gutes. Immer.

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