8. September 2025, 14:36 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Jedes Jahr ereignet sich auf einer kleinen Inselgruppe im Süden Islands ein außergewöhnliches Spektakel: Menschen werfen Hunderte flauschige Papageientaucher-Küken von steilen Felsklippen – mit Absicht. Das alljährliche Phänomen ist jedoch kein tierschutzwidriger Spaß der Bevölkerung, sondern hat einen wichtigen Hintergrund.
Wie das Papageientaucher-Werfen zur Tradition wurde
Auf den Vestmannaeyjar, den Westmännerinseln vor der Südküste Islands, hat sich eine ungewöhnliche, aber tief verwurzelte Tradition etabliert: Zwischen August und September sammeln Einheimische jedes Jahr junge Papageientaucher ein und helfen ihnen beim Start ins Leben – durch einen Wurf von den Klippen ins Meer. Was auf Außenstehende bizarr wirken mag, ist ein essenzieller Beitrag zum Schutz dieser bedrohten Tiere.
Die Papageientaucher, in Island auch liebevoll „Puffins“ genannt, sind eng mit der Insel verbunden und gelten als inoffizielles Wappentier des Landes. Wenn die Jungtiere im Spätsommer ihr Nest verlassen, beginnt die sogenannte „Puffling Season“ – der Zeitpunkt, an dem sie zum ersten Mal selbstständig ins offene Meer starten und flügge werden.
Ob diese in den August oder September fällt, kommt immer auf das Nahrungsangebot an. Denn junge Papageientaucher werden von ihren Elterntieren während des Frühjahrs und Sommers mit Futter versorgt. Sobald sie groß genug sind, machen sie sich dann auf eine manchmal jahrelange Reise durch den Ozean. Doch immer häufiger finden die Jungtiere den Weg nicht mehr. 1
Junge Papageientaucher auf Island verirren sich beim Flüggewerden
Denn eigentlich folgen die Küken dem Licht der Sterne, um ihren Weg zum Wasser zu finden. Doch die zunehmende Lichtverschmutzung bringt sie vom Kurs ab: Statt zu den Klippen begeben sich viele in Richtung der beleuchteten Städte oder Häfen. Dort beginnt der Einsatz der freiwilligen Helfer: Die sogenannte „Puffling Patrol“ zieht nachts durch die Straßen, sammelt orientierungslose Vögel ein und bringt sie zurück an die Küste.
Manche Retter der Papageientaucher setzen sie auch an den Rand der Klippen und die Tiere springen von selbst herunter. Andere werden von den Helfern geworfen – natürlich behutsam. Dies ist ein Vorgang, der dem natürlichen Verhalten der Tiere entspricht. In freier Wildbahn springen sie gemeinsam mit ihren Eltern von den Klippen, um ihre Flügel zum ersten Mal zu testen. Doch manch ein verirrter Jungvogel hat nicht nur das Nest verlassen, sondern auch seine Eltern. Hier greift die Puffling-Patrouille den Tieren „unter die Flügel“. 2
Papageientaucher benötigen optimale Bedingungen zum Brüten
Die Bedeutung dieser Rettungsaktionen ist nicht zu unterschätzen. Papageientaucher sind anfällig für klimatische Veränderungen, Krankheiten wie die Vogelgrippe und vor allem für den Rückgang ihrer Nahrung. Entsprechend sind sie in besonderer Weise von der Überfischung der Meere betroffen. Immer häufiger bleiben die Fischströme im Südwesten der Inselgruppe sowie in Alaska daher aus.
Bislang galt, auch dank der tatkräftigen Unterstützung der Bevölkerung, die Papageientaucher-Population auf den Westmännerinseln noch als stabil. Neue Zählungen zeigen jedoch, dass die Zahl der Jungtiere auch hier zuletzt rückläufig war. Laut Biologe Erpur Snær Hansen füttern die Altvögel ihre Küken mittlerweile vor allem mit Rotbrassen, einem weniger nahrhaften Fisch als dem gewohnten Sandaal – eine Entwicklung, die die Überlebensrate zusätzlich mindern könnte. 3
Hinzu kommt eine besorgniserregende Einstufung: Im Juli 2025 wurde der Papageientaucher vom Isländischen Institut für Naturgeschichte offiziell als „kritisch gefährdet“ eingestuft. Während in den 1990er-Jahren noch rund sechs Millionen Exemplare in Island lebten, sind es heute nur noch etwa drei Millionen. Der dramatische Rückgang wird auf steigende Meerestemperaturen, Überfischung, Krankheiten und den Verlust von Lebensräumen zurückgeführt. 4
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Lichtverschmutzung bleibt ein ungelöstes Problem
Leider scheint es nicht viele langfristige Lösungen zu geben, um Papageientaucher davon abzuhalten, sich zu verirren. So sei es praktisch unmöglich, das Lichtproblem zu minimieren, sagt Snær Hansen, Direktor für ökologische Forschung am South Iceland Nature Centre, in einem Artikel des US-amerikanischen Magazins „PopularScience“.
Selbst kleinere Städte stellen für die Papageientaucher ein Problem dar, da laut Hansen selbst ein einziges Licht ausreiche, um die Vögel in die falsche Richtung zu locken. Zwar gibt es einige Studien darüber, ob zum Beispiel wärmeres Licht die Tiere weniger in die Irre führen könnte. Aber bisher konnten Forscher keine konkreten Beweise dafür erbringen.
Fazit: Jede helfende Hand zählt
Die jährlich wiederkehrende Hilfe der Einheimischen ist längst mehr als nur eine schöne Tradition. Sie ist ein zentraler Bestandteil des Artenschutzes. Denn jedes gerettete Jungtier erhöht die Chance, dass die Papageientaucher eines Tages zahlreich zu ihren Geburtsklippen zurückkehren – um dort eine neue Generation großzuziehen.
Denn Papageientaucher kehren immer an den Ort zurück, an dem sie geboren sind, und brüten dann die nächste Generation in den Steilhängen der Klippen aus. Die Jahr für Jahr geretteten Jungtiere können also auf lange Sicht den Bestand der Art stabilisieren und erhalten.
Nur im Zusammenspiel von Mensch und Natur lässt sich die Zukunft dieses ikonischen Vogels sichern – und manchmal braucht es dazu eben einen beherzten Wurf von der Klippe.