29. Oktober 2025, 10:52 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Jedes Jahr im Spätsommer beginnt ein faszinierendes Spektakel am Himmel: Millionen von Zugvögeln verlassen ihre Brutgebiete und brechen in wärmere Regionen auf. Doch welche Arten legen dabei die größten Entfernungen zurück – und warum begeben sie sich überhaupt auf diese beschwerliche Reise?
Millionen Vögel auf dem Weg nach Süden
Wenn die Tage kürzer werden, sieht man am Himmel imposante Formationen von Zugvögeln. Gänse und Kraniche fliegen oft in Keilformationen, bei denen sich die Spitze regelmäßig abwechselt, während Enten meist in gerader Linie unterwegs sind. Einige Arten wie der Kuckuck, die Nachtigall oder die Singdrossel fliegen sogar allein.
Zwischen Europa und Afrika sind schätzungsweise rund fünf Milliarden Zugvögel unterwegs – auf der immer gleichen Route wie im Vorjahr. Durchschnittlich legen sie pro Tag etwa 300 Kilometer zurück. Der Weg bis in den Süden Afrikas dauert 40 bis 60 Tage und umfasst Strecken von bis zu 20.000 Kilometern. Klimaveränderungen führen allerdings dazu, dass manche Vögel inzwischen in Europa überwintern.
Warum sich Zugvögel auf die Reise machen
Insektenfresser wie der Mauersegler oder die Feldlerche verlassen ihre Brutgebiete, weil sie hier im Winter schlicht keine Nahrung mehr finden würden. In wärmeren Regionen hingegen herrscht durch das milde Klima ein größeres Insektenangebot, und durch längere Tageslichtphasen haben die Vögel mehr Zeit zur Nahrungssuche.
Bei einigen Arten handelt es sich um sogenannte Teilzieher – etwa das Rotkehlchen. Diese Vögel entscheiden individuell, ob sie ziehen oder nicht, abhängig von Witterung und Futterangebot.
Buchfinken zeigen ein interessantes Verhalten: Während die Männchen häufig in der Heimat bleiben, zieht das Weibchen meist in südlichere Gebiete. Ein möglicher Auslöser ist die sogenannte Zugunruhe – ein genetisch verankerter Drang, der sich in verstärkter Aktivität vor dem Abflug äußert. Auch bei in Gefangenschaft gehaltenen Vögeln wurde dieses Verhalten beobachtet, obwohl sie nie Kontakt zu freilebenden Artgenossen hatten.
Samen- und Fleischfresser wie Spatz, Amsel, Specht oder Mäusebussard können dagegen auch im Winter bei uns überleben. Sie gehören zu den sogenannten Standvögeln, die ganzjährig im Brutgebiet bleiben.
Drei Gruppen von Zugvögeln – wer fliegt wie weit?
Zugvögel lassen sich je nach Strecke in drei Kategorien einteilen:
Kurzstreckenzieher – etwa Rotkehlchen, Feldlerche, Star oder Singdrossel – legen etwa 2000 Kilometer zurück und überwintern in Südeuropa oder Nordafrika.
Mittelstreckenzieher wie Kranich, Buchfink oder Graugans fliegen zwischen 2000 und 4000 Kilometer bis nach Zentralafrika.
Langstreckenzieher – darunter Weißstorch, Mauersegler, Rauchschwalbe oder Küstenseeschwalbe – überqueren mehr als 4000 Kilometer und erreichen sogar Südafrika.
Erkennen Sie alle 16 Zugvögel im Quiz?
Der Vogelzug beginnt! Diese Vögel fliegen jetzt in den Süden
Die Rekordhalter unter den Zugvögeln
Die größte bekannte Distanz legt die Küstenseeschwalbe zurück. Sie brütet in der Arktis und zieht bis in die Antarktis – eine Strecke von rund 15.000 Kilometern in direkter Linie. „Bei Vögeln, die mit Peilsendern ausgestattet waren, konnten Forscher feststellen, dass durch weitere Wanderungen insgesamt über 90.000 km in einem Jahr zurücklegt wurden.“
Auch der nordamerikanische Steinschmätzer zählt zu den Ausdauerchampions: Er fliegt bis zu 15.000 Kilometer bis nach Südwestafrika.
Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist die Pfuhlschnepfe. Sie fliegt ohne Pause 11.600 Kilometer in nur neun Tagen. Forscher hatten die Vögel besendert und konnten so ihre Route von Alaska über den Pazifischen Ozean nach Neuseeland nachverfolgen.1
Der Einfluss des Klimawandels auf Zugverhalten
Die globale Erwärmung beeinflusst das Verhalten vieler Zugvögel deutlich. Studien zeigen, dass sie heute rund drei Wochen früher aus ihren Winterquartieren zurückkehren als noch vor 40 Jahren. Auch die Abreise aus den Brutgebieten verschiebt sich – sie erfolgt später im Jahr.
Ein weiteres Ergebnis betrifft die Flugrouten selbst. „Die Royal Society for the Protection of Birds“ fand heraus, dass „die Routen der europäischen Langstreckenzieher immer länger werden.“ Für die Nachtigall bedeutet das konkret: „Die Forscher errechneten, dass die Nachtigall im Jahr 2070 knapp 800 km weiter fliegen wird.“
Besorgniserregend: Selbst mit maximalem Fettvorrat wird sie dann in der Sahara zwischenlanden müssen – und dort keine Nahrung finden. „Generell wird sich der Klimawandel vermutlich negativ auf die Vogelpopulationen auswirken.“ 2